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19.6.2018 - Jann Raveling

Wie ein Bremer Bunker zu einem der sichersten Rechenzentren Deutschlands wurde

Digitalisierung / Industrie 4.0
Der Cloud-Anbieter Consultix schafft für Unternehmensdaten eine absolut sichere Bleibe – online wie offline
Blick in den Serverraum: Gut gekühlt und sicher kann hier jeder seine IT-Hardware unterbringen
Blick in den Serverraum: Gut gekühlt und sicher kann hier jeder seine IT-Hardware unterbringen © Consultix

Der IT-Dienstleister Consultix betreibt in einem Bremer Hochbunker eines der modernsten und sichersten Rechenzentren Deutschlands. Unternehmen mieten hier Rackspace, betreiben ihre eigenen Clouddienste und speichern ihre Daten diebstahlsicher.

Ein grauer Koloss im Bremer Westend. Über 5.000 Tonnen Stahlbeton ragen hier empor, mitten in der Stadt. Ein Monument glücklicherweise vergangener Tage. Heute ist es eines der modernsten und sichersten Rechenzentren Deutschlands. Von außen gibt es keinen Hinweis auf die neue High-Tech-Inneneinrichtung des Hochbunkers aus dem Zweiten Weltkrieg.

Doch der Schein trügt, Tom Cruise aus Mission Impossible hätte seine Probleme, hier einzudringen. Biometrieerkennung, Transponder mit Code, Metalldetektoren, Vereinzelungsanlagen, 24/7-Videoüberwachung, hier kommt niemand ohne Erlaubnis herein. Auch rohe Gewalt ist keine Lösung: Die Zwei-Meter-Stahlbetonwände halten abstürzende Verkehrsflugzeuge aus. Und Einbrecher beißen sich an den nach höchsten Sicherheitsstandards RC-6 zertifizierten Türen die Zähne aus.

Eine virtuelle Reise durch das Rechenzentrum im Bunker

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„Unser Rechenzentrum entspricht Tier 4, der höchsten Sicherheitskategorie“, erzählt Andres Dickehut, Geschäftsführer vom IT-Dienstleister Consultix aus Bremen. Der 50-jährige könnte Stunden über die Schutzmaßnahmen sprechen. Und tut es auch gern. Etwa über den verringerten Sauerstoffgehalt der Luft, um Feuer gar nicht erst ausbrechen zu lassen. Über die zehn in sich abgeschlossenen Sicherheitszonen im Bunker. Über das Intrusion Prevention System, das Online-Angriffe abwehrt und eine schwindelerregende Summe kostete.

Daten sicher speichern – ein Vollzeitjob

Wozu der ganze Aufwand? Hierfür: Auf fünf Ebenen stehen im Rechenzentrum ColocationIX 500 Serverracks, auf denen Unternehmen ihre Daten absolut sicher speichern können. Private Cloud-Speicher nennt sich das. Im Gegensatz zur öffentlichen Cloud, die viele Anwender von Google Drive, Dropbox oder der Apple icloud kennen, verwalten Unternehmen bei der Private Cloud ihre Daten in exklusiven, nur von ihnen genutzten Systemen. Das erhöht die Sicherheit. Sie installieren auf den Serverracks ihre Hard- und Software und betreiben von hier aus ihre Services. „Kaum ein Unternehmen kann auf diesem Sicherheitsniveau Daten in der eigenen Firmenzentrale sichern“, ist Dickehut überzeugt.

Uwe Jambroszyk, Sales Manager und Andres Dickehut, Geschäftsführer von Consultix vor dem Bunker
Uwe Jambroszyk, Sales Manager und Andres Dickehut, Geschäftsführer von Consultix, vor dem Bunker © Consultix/Karsten Klama

Cloudspeicher: Private oder Public, was darf es sein?

Ein Geschäftsmodell, das auf den ersten Blick auf starke Konkurrenz trifft: Microsoft, Amazon und Google sind die Platzhirsche auf dem Cloud-Markt, bieten neben günstigen Preisen hohen Komfort bei Einrichtung und Betrieb der Systeme. Und verdienen Milliarden damit.

Dieser Komfort hat seine Tücken. „Auf den ersten Blick locken günstige Angebote. Aber die Basisvariante reicht oft nicht, Zusatzfunktionen werden schnell teuer. Wer ein ähnliches Schutzniveau seiner Daten wie bei uns erreichen will, bezahlt schnell mehr als ein Serverrack im Bunker kostet“, ist sich Dickehut sicher.

Um die Kosten gering zu halten, wartet der Rechenbunker im Keller mit einer weiteren Besonderheit auf: Erdsonden, die sich bis zu 200 Meter in den Bremer Boden bohren. Sie kühlen das Rechenzentrum klimaneutral. Neben einer zusätzlichen Ausfallsicherheit spart das System Betriebskosten, die Dickehut direkt an seine Kunden weitergeben kann. Die Kühlung hat Consultix zusammen mit dem Fachbereich Resiliente Energiesysteme der Universität Bremen entwickelt.

Wissen, was mit den eigenen Daten geschieht

Mit Sicherheit kann der Bunker auch auf einem anderen Gebiet gegenüber seinen Konkurrenten aus dem Silicon Valley auftrumpfen: dem Datenschutz. „Bei Google oder Amazon wandern die Daten in die USA beziehungsweise in die Hände US-amerikanischer Firmen. Wer diese Dienste nutzt, muss sich bewusst sein, dass er sich abhängig macht. Unternehmenskritische Daten sollten Sie nie in eine Public Cloud laden“, warnt Dickehut. „Wer seine eigenen Systeme in einem Rechenzentrum vor Ort betreibt, weiß, was auf seinen Rechnern passiert.“ Dass das Rechenzentrum DSGVO-sicher und vollständig nach der IT-Sicherheitsnorm ISO 27001 auditiert ist, versteht sich da von selbst.

Notstromaggregate und Kühlsysteme wurden auf dem Dach des Bunkers installiert
Notstromaggregate und Kühlsysteme wurden auf dem Dach des Bunkers installiert © Consultix

Aussicht über Bremen: Die Skylounge auf dem Bunkerdach

Gerade (nord)deutschen Kunden sei es wichtig, zu wissen, wo ihre Daten physikalisch liegen. Auch aus diesem Grund hat Consultix auf dem Dach des Bunkers eine Lounge eingerichtet. Hier kommen Dickehut und sein 100-köpfiges Team mit Kunden ins Gespräch, die sich gleich einen Eindruck von den Sicherheitsmaßnahmen vor Ort machen.

Die Dienste von ColocationIX richten sich vor allem an große mittelständische Unternehmen und Konzerne, die ihre eigene IT-Technik mitbringen. Besonders Unternehmen, die dem KRITIS-Gesetz  unterliegen, finden hier einen sicheren Hafen für ihre Daten. Aber auch ohne eigene Server reserviert Consultix Racks und richtet für Kunden Hard- und Software ein, ähnlich wie ein herkömmlicher Public-Cloud-Anbieter.

Die „digitale Seidenstraße“

Besonders interessant wird es für Unternehmen mit Handelsgeschäften in China: Der Bunker verfügt über eine direkte Glasfaserleitung ins Reich der Mitte, die „digitale Seidenstraße“. Sie soll eine schnelle und kostengünstige Verbindung garantieren und habe hohe Ausfallsicherheit. Der Hosting-Betrieb von Bremen aus sei zudem deutlich einfacher, als ein eigenes Rechenzentrum in China anzumieten, so Dickehut. Das verhindere gleichzeitig die Blockierung von eigenen Diensten durch staatlich verordnete Sperrungen, wie sie leicht größere Anbieter, zum Beispiel Google oder Amazon, träfen.

Standort Bremen perfekt für sicherheitskritische Infrastrukturen

Insgesamt sechs Jahre Bau- und Planungszeit hat Dickehut hinter sich. Den Standort im Bremer Westend hat er bewusst gewählt. „In Bremen gibt es keine Erdbebengefahr, es kommt selten zu Unwettern oder Naturkatastrophen. Wir sind hier mit Glasfaserleitungen direkt an die wichtigen Internetknoten in Amsterdam, Frankfurt und London angeschlossen – kein Problem in einem Stadtgebiet, nah am Fernsehturm. Auf dem Land wäre das schwieriger.“ Bei Standortsuche und Finanzierungsplanung half die Wirtschaftsförderung Bremen, vermittelte Kontakte zu Kooperationspartnern wie energiekonsens und der Universität. „Ohne die wertvolle Beratung hätten wir gar nicht erst angefangen. Wir haben die richtigen Tipps zur richtigen Zeit bekommen!“, freut sich Dickehut noch heute. 


Mehr Informationen zum Rechenzentrum auf: https://www.colocationix.de/

Weiteres zu Ansiedlung und Unternehmen im Bremer Westen weiß Ray Ivens, Unternehmensservice und Vertrieb, Projektleiter Region Bremen West, T +49 (0) 421 9600-223, ray.ivens@wfb-bremen.de

Welche Services die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH bei der Digitalisierung ihres Unternehmens bietet, finden Sie auf der Übersichtsseite Digitalisierung.

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