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6.2.2020 - Anja Markmann

Großbritanniens EU-Austritt und die Auswirkung auf Zölle

Internationales

Folgen des Brexit für Unternehmen im Im- und Export: Zollgebühren, Steuern, Kosten

Brexit und Zoll - wie wirkt sich das aus? Der Brexit wurde am 31. Januar 2020 vollzogen, das Vereinigte Königreich ist aus der Europäischen Union ausgetreten. Für Unternehmen, die von und nach England im- und exportieren und sich dabei mit Fragen zu Zollgebühren, Steuern und Verfahren auseinandersetzen müssen, geht die Ungewissheit jedoch weiter. Werden künftig Zölle im Handel zwischen Deutschland und England eingeführt? Wie hoch fallen Steuern aus? Wie geht Großbritannien mit Zoll-Verfahren um?

Der Brexit ist vollzogen - wie es aber mit Steuern und Zöllen weitergeht, noch ungewiss
Der Brexit ist vollzogen - wie es aber mit Steuern und Zöllen weitergeht, noch ungewiss © WFB/Pusch

Zu diesen Fragen gibt es noch keine definitive Antwort, denn bis zum 31. Dezember 2020 gibt es zwischen Großbritannien und der EU noch eine Übergangsfrist. Diese ermöglicht einen Warenhandel, als wäre Großbritannien noch ein EU-Mitglied. Bis dahin heißt es also „Business as Usual“.

Diese Übergangsfrist will von den politischen Parteien dazu genutzt werden, ein Freihandelsabkommen auszuhandeln, das danach einen geregelten Austausch von Waren ermöglicht. Ob es zu diesem Abkommen in der knapp bemessenen Zeit kommen kann und ob die politischen Kräfte in Großbritannien sich überhaupt auf eine Annäherung mit der EU einlassen, steht nach Meinung vieler Expertinnen und Experten jedoch noch in den Sternen.

Zölle und Steuern: Die Folgen bei einem Hard Brexit

Sollte die Partien zu keinem Abkommen gelangen („Hard Brexit“), drohen empfindliche Störungen des Handels zwischen Europa und dem Vereinigten Königreich. Wie diese Aussehen, darüber schreibt Gastautorin Anja Markmann, verantwortlich für Zoll- und Außenwirtschaftsrecht bei der Handelskammer Bremen:

"Sollte es kein Freihandelsabkommen bis zum 31. Dezember 2020 beziehungsweise einen Entwurf möglichst bis zum Juli 2020 geben, droht ein "Harter Brexit". Die Folgen: Dann werden Drittlandszollsätze bei den Importen sowie Exporten fällig und Zollformalitäten müssen beachtet werden. Dies bedeutet steigende Kosten für britische Produkte in Bremen und Deutschland aber auch für alle nach Großbritannien (GB) exportierten Güter. Das Problem der langen Abfertigungszeiten an den Grenzen zwischen EU und GB bleibt ebenfalls bestehen. Dies ist insbesondere für verderbliche Ware gefährlich!

Die Problematik einer EU-Grenze quer durch Irland haben die Briten ja bereits durch einen neu verhandelten Kompromiss gelöst: Es gibt keine Zollgrenze auf dem irischen Festland – also keinerlei Kontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland, die in der EU bleibt. Die Kontrollen würden beiderseits in den Häfen der Irischen See stattfinden. Dort würden alle Waren, die letztlich nach Irland – also in die EU – gehen, überprüft, ob sie im Sinne der Union verzollt wurden. Das Besondere dabei ist: Die Kontrollen würden von britischen und nicht von EU-Zollbeamten im Sinne der EU-Vorschriften vorgenommen.

Kommt es zu Zollkontrollen oder verhindert ein Freihandelsabkommen eine Störung des Exports nach Großbritannien?
Kommt es zu Zollkontrollen oder verhindert ein Freihandelsabkommen eine Störung des Exports nach Großbritannien?

Zölle und Steuern nach Großbritannien anhand eines Beispiel erklärt

Anhand eines Beispiels zeigen wir Ihnen nun, wie Zollmodalitäten bisher abliefen und wie sie dann künftig bei Eintreten als Folgen eines Hard Brexits ablaufen werden. Wir versenden einmal Bremer Kaffee nach England und andersherum importieren wir die Würzpaste Marmite aus dem United Kingdom:

Wie bisher die Steuermodalitäten zwischen Deutschland und Großbritannien abgewickelt werden:

Export Bremer Kaffees nach England (bisher)

Noch ist es einfach: Bei einem Bremer Kaffeehersteller geht ein Auftrag über eine Warenbestellung nach London ein. Für den Export nach Großbritannien bedarf es keiner Ausfuhranmeldung, allerdings müssen die britischen Kennzeichnungsvorschriften für dieses Lebensmittel eingehalten werden. Der Bremer Produzent stellt eine Handelsrechnung ohne Ausweisung der britischen Erwerbssteuer in Höhe der Mehrwertsteuer im Käuferland aus. Dies gilt, insofern beide Unternehmen eine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer besitzen. Der positive Effekt: Das Bremer Unternehmen muss keine Erwerbssteuer in Großbritannien abführen (es gibt keine Doppelbesteuerung). Ohne Grenzkontrollen und Wartezeiten gelangt der Kaffee nach London. Das britische Unternehmen bestätigt mit der Gelangensbestätigung, die Ware erhalten zu haben.

Aus London wird Marmite nach Bremen eingeführt

Auch im Import von Großbritannien nach Deutschland verhält es sich bisher ähnlich. Ein bremisches Unternehmen bestellt beim Londoner Marmite-Vertrieb die beliebte vegetarische Würzpaste. Der britische Vertrieb stellt eine Handelsrechnung ohne Mehrwertsteuer aus und gibt seine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer sowie die des bremischen Empfängers an. Der Londoner schickt mit einem Spediteur die Marmite-Gläser nach Bremen. Diese müssen die deutschen Kennzeichnungsvorschriften für dieses Lebensmittel einhalten. Der Warentransport erfolgt ohne Verzögerungen an der Grenze. Der deutsche Kunde bestätigt mit einer Gelangensbestätigung den tatsächlichen Warenerhalt in Deutschland. Die Zahlung für Marmite erfolgt kostenfrei über eine SEPA-Überweisung in Euro oder bei Zahlung in Pfund Sterling über eine kostenpflichtige Auslandsüberweisung.

Wir exportieren exemplarisch Kaffee nach England, um Zollverfahren vor und nach dem Brexit zu erklären
Wir exportieren exemplarisch Kaffee nach England, um Zollverfahren vor und nach dem Brexit zu erklären © WFB/Pusch

Brexit-Folgen ab dem 1. Januar 2021 – alles wird anders?

Bis Januar 2021 muss ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und GB verhandelt werden, um einen unkomplizierten Handel zu ermöglichen. Wird dies abgelehnt kommt es zum harten Brexit. Somit gilt Großbritannien künftig als Drittstaat gegenüber der EU mit Folgen u.a. für die Zollabfertigung.

Anhand unseres Beispiels einer Lieferung Bremer Kaffees und britischer Würzpaste zeigen wir nun, was geschieht, wenn dies eintrifft. Es gibt keinerlei Abkommen im Bezug auf Zollgebühren zum Brexit in unserem Beispiel. Finden Sie heraus, wie sich das Zollrecht bei dem Szenario Großbritannien als Drittstaat ändert:

Export-Szenario „Großbritannien als Drittstaat“

Dies würde bedeuten, dass der Bremer Kaffee fortan in ein sogenanntes Drittland nach London gelangt.

  1. Der Kaffee-Konzern muss die Auslieferung der Ware in Bremen zur Ausfuhr nach Großbritannien beim Zoll via Internet elektronisch anmelden und die elektronische Freigabe durch den Zoll abwarten. Das Unternehmen beantragt dafür eine EORI-Nummer (zur Registrierung und Identifizierung von Wirtschaftsbeteiligten) beim Zoll. Der elektronisch erteilte Ausgangsvermerk dient als Nachweis für die Ausfuhrlieferung.
  2. Das Bremer Unternehmen stellt eine Handelsrechnung ohne Mehrwertsteuer aus, mit der Angabe, dass es sich um eine Auslandslieferung handelt. Die Handelsrechnung muss folgende Angaben enthalten: Marke, Nummern, Anzahl und Art der Packstücke, die genaue Warenbezeichnung, das Gewicht sowie den Inhalt eines jeden Packstückes und das Ursprungsland. Die fob-Kosten (bis zum Verschiffungshafen) und falls genutzt die cif-Kosten (für Verladung, Versicherung sowie Fracht bis zum Bestimmungshafen) müssen ausgewiesen werden.
  3. Zusätzlich könnte ein Nachweispapier über den Warenursprung, ein Ursprungszeugnis, welches die Industrie- und Handelskammern ausstellen, erforderlich sein.
  4. Die Ware wird mit einem Spediteur und allen Begleitpapieren über das Carnet TIR-Verfahren verschickt. Dieses Verfahren innerhalb der Vertragsparteien ist eine Zollanmeldung und ermöglicht einen Transport ohne Erhebung von Einfuhrzöllen und -abgaben durch die Transitländer. Allerdings ist dafür eine Sicherheit über einen bürgenden Verband erforderlich.
  5. Der Kaffee wird in Großbritannien zur Einfuhr angemeldet und an der Grenze kontrolliert. Bei Grenzübertritt wird die Einfuhrumsatzsteuer in Großbritannien fällig. Als Drittlandsware wird sie nun mit einem Drittlands-Zollsatz besteuert – vermutlich mit fünf bis sechs Prozent (der Durchschnitt der EU-Zollsätze auf Waren liegt bei vier Prozent). Bis zu 40 Prozent Zollsatz sind jedoch innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO) möglich.
  6. An der Grenze wird die Kennzeichnung der Ware nach britischem Recht geprüft – das Lebensmittel unterliegt bei der erstmaligen Einfuhr einer Beschau der britischen Behörden, die Einhaltungen wie der Hygiene und Verbraucherschutzrichtlinien sicherzustellen.
  7. Die Bezahlung erfolgt über eine kostenpflichtige Auslandsüberweisung.

Das Verfahren zeigt: Ein deutlicher organisatorischer und zeitlicher Mehraufwand für unseren Bremer Kaffeeröster.

Der nicht mehr fixierte Wechselkurs innerhalb der Europäischen Währungsunion könnte zu Unsicherheiten bei den Warenpreisen führen. Bei einem Kursverfall des britischen Pfund würden die Waren aus Deutschland für die britischen Kundinnen und Kunden teurer werden – die Folge: ein Attraktivitätsverlust deutscher Produkte. Auch die neu anfallenden Zölle verteuern den Kaffee in Großbritannien.

Darf bei keinem englischen Frühstück fehlen: Der gewöhnungsbedürftige Aufstrich Marmite
Darf bei keinem englischen Frühstück fehlen: Der gewöhnungsbedürftige Aufstrich Marmite

Import-Waren von Großbritannien in die EU mit hartem Brexit

In diesem Fall würde die britische Würzpaste Marmite als Drittlandsware nach Bremen kommen:

  1. Bevor ein Produkt erstmals nach Bremen gelangt, prüfen die Bremer Behörden, die Unbedenklichkeit für den Endverbrauch. Die Kennzeichnung muss den deutschen Regularien entsprechen.
  2. Die Einfuhr der Ware läuft ebenfalls über eine Anmeldung zur Ausfuhr in Großbritannien und eine Einfuhranmeldung in Deutschland.
  3. Für die Einfuhr müssen die Begleitpapiere der Ware mitgeführt werden: die Handelsrechnung mit Angaben zur Marke, Nummern, Anzahl und Art der Packstücke; die genaue Warenbezeichnung; die Warenmenge; Liefer- und Zahlungsbedingungen; der Warenpreis (inklusive Angaben zu fob- und cif-Kosten/-Preisen) sowie die Angaben zum Käufer/Verkäufer.
  4. Die Ware wird mit einem Spediteur über das Carnet TIR-Verfahren verschickt und an der EU-Außengrenze kontrolliert.
  5. Dabei wird die Einfuhrumsatzsteuer von 19 Prozent in Deutschland fällig sowie ein möglicher Drittlands-Zollsatz. Bei einer Würzpaste sind sechs Prozent wahrscheinlich, möglich sind aber bis zu 35 Prozent Zollsatz innerhalb der WTO.
  6. Die Überweisung erfolgt über eine kostenpflichtige Auslandsüberweisung.

Es ist möglich, dass Aufgrund der freien Wechselkurse die Marmite-Ware bei einem Kursverfall des Pfundes kostengünstiger wird. Eine Sicherheit besteht aber nicht.

Fazit: Zoll und Steuern bei einem harten Brexit

Der Brexit macht den Handel zwischen Großbritannien und der EU nicht unmöglich, bedeutet jedoch einen erheblichen Mehraufwand für Lieferungen. Zudem könnten die Folgekosten durch Zölle und Abfertigung, eventuelle Wechselkursschwankungen, Überweisungsgebühren und der Aufwand für andere Ausfuhrformalitäten steigen. Zusätzlich zu den steigenden Warenkosten ist mit höheren Personalaufwänden zu rechnen, da die Abwicklung der Formalitäten zusätzlich Zeit kostet.
Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann nicht die tatsächlichen Entwicklungen des Brexit vorhersagen.


Für Fragen und Anregungen rund um das Thema Zölle und Brexit kontaktieren Sie gerne Anja Markmann, Referentin International, bei der IHK - Handelskammer Bremen,  0421 3637-247, markmann@handelskammer-bremen.de


Wenn Sie sich für eine Ansiedlung aus dem Ausland interessieren und unseren Service in Anspruch nehmen möchten, wenden Sie sich an Andreas Gerber, Teamleiter internationale Ansiedlung der WFB, 0421 9600 123, andreas.gerber@wfb-bremen.de

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