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1.3.2019 - Jann Raveling

Peer gegen Goliath

Kreativwirtschaft
Medienhaven und Steintor-Presse im Bremer Viertel: Spezialist für Drucksachen
 Peer Rüdiger, Inhaber des Medienhavens
Peer Rüdiger, Inhaber des Medienhavens © WFB Jann Raveling

Es knarzt und knackt in dem alten Gemäuer, wenn Peer Rüdiger die Treppen zum ersten Stock des Medienhavens erklimmt. Das verwinkelte Gebäude versteckt sich tief in zweiter Baureihe inmitten des Bremer Szenestadtteils „Viertel“. Man muss schon genau hinsehen, um den kleinen Innenhof zu finden.

Innen wandelt sich der Eindruck schnell. Hochmoderne Druckmaschinen, Mediengestalterinnen und Mediengestalter, die am Rechner entwerfen, Server und hell erleuchtete Arbeitstische. Dann aber wieder: eine Druckpresse von 1890, uralte Setzkästen mit Lettern. Es ist ein Ort der Gegensätze, dieser Medienhaven.

Und ein Typ wie Peer Rüdiger passt bestens herein. Der Gründer des Medienhavens hat markige Worte parat, weiß, wofür er einsteht und wo er hinwill. Er hat den Wandel der Branche mitgemacht, kennt das alte Handwerk so gut wie die die Vorzüge der Digitalisierung.

Gegen die Riesen im Geschäft bestehen

Das Druckgeschäft ist hart geworden: Die Zahl der Druckereien hat in den letzten zehn Jahren um 20 Prozent abgenommen, die der Beschäftigten gar um 30 Prozent. Online-Großdruckereien pressen riesige Auflagen zu kleinsten Preisen. 10.000 Flyer für 100 Euro – kein Problem. Da können lokale Druckereien nicht mithalten, wenn sie nicht ihre Nische finden.

Peer Rüdiger und seine Frau Heide haben ihre gefunden. „Bei uns geht noch etwas, wenn andere längst abwinken, wir sind die Medienfeuerwehr“, sagt er. Spezialpapier, Folien, arbeitsaufwendige Falzungen, Drucke von verschiedensten Materialien in großen und kleinsten Auflagen, gestanzt, genutet und veredelt, Verpackungen, Fine-Art-Prints von Kunstwerken – all das machen sie möglich.

Wiesengrün und so duftet's auch: Spezialpapiere gibt es im Medienhaven zuhauf
Wiesengrün und so duftet's auch: Spezialpapiere gibt es im Medienhaven zuhauf © WFB Jann Raveling

Wie zum Beweis hält Rüdiger einem ein Blatt hellgrünes Papier unter die Nase, das duftet wie eine frisch gemähte Alpenwiese. Oder einen Papierbogen, der, korrekt gefaltet, zu einer Miniatur-Elbphilharmonie wird. Aufwendig bedruckt mit Goldfolie und versehen mit einer kleinen Spielorgel ist sie einer der Bestseller im Souvenirladen der Elphie – made in Bremen.

Alt und neu verbinden

„Wir lieben das Komplexe, bei unseren Kunden haben wir den Ruf: Die schaffen das, auch wenn sie noch nicht wissen, wie“, lacht er. Sie sind stolz auf das, was sie in den vergangenen 30 Jahren aufgebaut haben. 14 Angestellte und Auszubildende beschäftigen sie, vom Drucker bis zum Programmierer. Gemeinsam beherrschen sie ein breites Handwerk. Prints auf allen möglichen und unmöglichen Materialien, Mediengestaltung und sogar Buchdruck. Und greifen dabei auf die einen bunten Maschinenpark zurück: So ist die Druckpresse aus dem Jahr 1890 mehr als nur ein Liebhaberstück. „Unsere genaueste Maschine, da können unsere modernen Digitaldruckmaschinen nicht mithalten!“, erzählt Rüdiger.

Zu ihm kommen die ganz Großen und die Kleinen. Er druckt für Weltkonzerne Spezialauflagen, die sonst wenige herstellen können. Hat aber auch ein Herz für kleine Start-ups. So fertigt er für die Spirituosenmacher von Nork das Flaschenetikett, ebenso wie Druckwerke für Ann-Kristin Riemann und ihrer Bremen-Kollektion „Weserherzen“. Von der Geschäftsausstattung mit Briefbogen und Visitenkarte bis hin zur Spezialverpackung für Präsente ist alles dabei.

Druckpresse aus dem Jahr 1890: Immer noch im Einsatz
Druckpresse aus dem Jahr 1890: Immer noch im Einsatz © WFB Jann Raveling

Offline gegen Online

Nur eins, das kann man bei Peer nicht: online bestellen. Wer etwas von ihm will, kommt am besten ins Geschäft. „Papier muss man erleben, anfassen, die Haptik ist unfassbar wichtig. Gerade wenn es um einen Ersteindruck geht – zum Beispiel bei einer Visitenkarte“, verdeutlicht er. Wer mit ihm durch die Räume geht, hält alle paar Sekunden eine neue Papierprobe in den Händen. Es ist, als wolle er durch das Papier ebenso viel erzählen wie durch seine Worte.

„Ich will ein lebendiges Haus, die Leute sollen ein- und ausgehen, Kreatives erleben und selbst kreativ werden!“, wünscht er sich für den Medienhaven, plant Events und Seminare, um neue und alte Techniken weiterzugeben. Viele Kunden sind treu, seit es die Druckerei gibt. „Bei Konzernen kommen und gehen die Agenturen – aber wir bleiben. Wir sind ein Partner auf Augenhöhe, bringen unsere Ideen ein und helfen bei der Realisierung.“

Verstecktes Kleinod im Bremer Viertel: Ja, hier ist's richtig
Verstecktes Kleinod im Bremer Viertel: Ja, hier ist's richtig © WFB Jann Raveling

Mehrere Standbeine, sicher verankert

Der Printbereich ist nur ein Teil des Ganzen – die sogenannte Steintor-Presse, benannt nach dem Bremer Steintorviertel. Peer und Heide Rüdiger haben sich im Laufe der Jahre noch weitere Standbeine aufgebaut, um gegen die Großen zu bestehen: Im Medienhaven gestalten die Angestellten für Kunden aus ganz Europa Verpackungen, Magazine, retuschieren Bilder oder erstellen Fotos gleich selbst – und digitalisieren auch mal ein ganzes Museumsinventar, wenn gewünscht. Was hier designt wird, läuft dann über die Druckerpressen, wird verpackt und verschickt.

Der Pixelspeicher wiederum ist eine moderne Digital-Dienstleistung. Unternehmen bietet er einen Medienspeicher für Druckdaten. Auf die Server des Medienhavens laden Firmen Dateien von Magazinen, Broschüren, Plakaten, Messeständen hoch, sodass sie von jedem Ort weltweit erreichbar sind. Für manche Kunden sogar zu einem Bestellsystem ausgebaut: Wünscht eine etwa Vertriebsmitarbeiterin Printprospekte, sucht sie diese im Pixelspeicher und löst eine Bestellung aus. Gedruckt wird dann direkt in Bremen, die Bestellung ist keine 24 Stunden später auf dem Weg. „Unternehmen können sich so Lagerplatz sparen, der sonst mit Printprodukten belegt wäre. Wir drucken nur, was wirklich benötigt wird. Eine elegante Lösung“, so Rüdiger. Das System ist eine Eigenentwicklung.

Im kleinen Ladenbereich verkaufen Peer und Heide Rüdiger Eigenkreationen
Im kleinen Ladenbereich verkaufen Peer und Heide Rüdiger Eigenkreationen © WFB Jann Raveling

Gegen die Austauschbarkeit

Diese eigentümliche Mischung aus hochmoderner Digitaldienstleistung einerseits und der Abkehr von Onlineservices andererseits ist wohldurchdacht. Denn die großen Druckereien kann er nicht in ihrem Onlineprintgeschäft schlagen, aber sehr wohl, wenn es um Service geht. „Unser Know-how spricht sich rum. Die persönlichen Kontakte sind es, die uns ausmachen. Wir setzen einen Kontrapunkt gegen die Austauschbarkeit“, erzählt er, während er durch die Buchdruckwerkstatt führt. Hier entstehen etwa Kleinstauflagen und Liebhaberstücke.

Und dann muss er auch schon weiter. Kunden stehen am Eingang, wollen Druckwerke abholen, es geht zu wie im Taubenschlag. Aber das will er ja so – hier, mitten im Bremer Viertel.


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