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20.7.2020 - Reinhard Wirtz

Mit Glanz und Schimmer – Schellack aus Bremen

Nahrungs- und Genussmittelwirtschaft

Bremer Traditionsfirma Stroever GmbH & Co. KG (SSB) produziert Schellack für ein breites Produktspektrum

Der sogenannte Blätterschellack ist ein Endprodukt von Stroever
Der sogenannte Blätterschellack ist ein Endprodukt von Stroever © WFB/Pusch

Nicht gegen die Natur, sondern mit ihr arbeiten – das schafften die Inder schon vor 3.000 Jahren. Überliefert ist, dass sie schon damals Harz-Ausscheidungen von Schildläusen in der Medizin einsetzten. Ihren großen Auftritt hatte die winzige Lackschildlaus (Kerria lacca) spätestens mit dem Aufkommen der Schellackplatte. Doch der Ruhm war flüchtig, denn schon bald wurden die schwarzen Scheiben aus Vinyl gepresst. Heute hat Europas einzige Schellack-Produzentin, die Stroever GmbH & Co. KG (SSB), ihren Sitz in Bremen. Sie bietet ihren Kunden in aller Welt ein breites Sortiment und entwickelt kontinuierlich neue Anwendungen.

Burkhard Volbert, geschäftsführender Gesellschafter in der Bremer Überseestadt und mit Bernhard Stroever Prokurist und Partner, der SSB, bezeichnen Schellack gern als vielseitiges „Naturtalent“. Tatsächlich findet sich der Rohstoff in einer überraschend großen Zahl von Produkten, was einer breiten Öffentlichkeit kaum bewusst sein dürfte.

Glänzender Auftritt für Pralinen und Konzertflügel

Kapseln, Tabletten und Dragees werden gern mit Schellack beschichtet, etwa um pharmazeutische Wirkstoffe kontrolliert freizusetzen. Mit Schellack-Überzug erhalten nicht nur Schokoladenriegel, Marzipan und Pralinen eine glänzende Oberfläche oder Schutz vor Umwelteinflüssen, sondern auch Früchte und Ostereier (Eierfarbe).

Schellack findet sich als Glanzgeber, Emulgator oder Bindemittel ebenso in (natur-)kosmetischen Produkten wie Haarspray, Nagellack, Mascara oder Bodylotion. Schellacklösung wird auch für Möbelpolituren, Farben, Beschichtungen in der Lebensmittelindustrie sowie bei der Herstellung von Hüten eingesetzt.

Und kostbare Musikinstrumente wie Konzertflügel oder eine Stradivari gewinnen ihre besondere Ausstrahlung eben nicht durch Kunstharz, sondern durch eine Behandlung mit Schellack.

Tierisches Harz
Der Kokon, den die Schildlaus Kerria lacca für ihre Brut formt, stammt aus dem Saft fernöstlicher Bäume, fermentiert von Mutter Laus. Zentimeterdick überzieht sie die Äste der Wirtspflanze mit dem einzigen tierischen Harz, das es gibt. Nach sechs bis sieben Monaten ist es soweit: die Baby-Läuse schlüpfen, Mutter Laus folgt dem Gatten ins Nirwana, und die Nachkommen beginnen einen neuen Zyklus. Nach dem Schlüpfen werden die Zweige mit dem Harz geerntet, der Überzug bildet den Ausgangsstoff für die Gewinnung des Schellacks. Um die Produktion in Gang zu halten, werden Zweige mit jungen Läusen auf neue Bäume gesteckt.

300.000 Läuse für ein Kilo

SSB bezieht ihre Rohstoffe vorwiegend aus Indien, aber ebenso Thailand und in geringerem Umfang auch China. Seit 1906 wird in Bremen Schellack mit selbst entwickelten Produktionsverfahren hergestellt. Für ein Kilo des kostbaren Harzes müssen rund 300.000 Läuse ran, sagt Burkhard Volbert. Bei SSB wird der Rohstoff mit einem speziellen Extraktionsverfahren auf Ethanol-Basis gereinigt und entwachst, es entstehen diverse Sorten für kundenspezifische Anwendungen, von sonnengelbem bis nahezu tiefschwarzem Schimmer.

„Wir vertreiben unsere Produkte in 25-Kilo-Gebinden“, berichtet Volbert, damit komme man zum Beispiel im Geigenbau wohl ein ganzes Leben aus. Die speziellen Rezepturen der Schellack-Mischungen seien gut gewahrte Betriebsgeheimnisse und würden daher keineswegs allgemein zugänglich oder in Umlauf gebracht werden. Gleichwohl wird das Angebot der SSB, (Neu-) Kunden bei der Entwicklung und Anpassung für neue Produkte zu beraten und zu unterstützen, immer wieder gern in Anspruch genommen, so Volbert.

Burkhard Volbert, geschäftsführender Gesellschafter von Stroever
Burkhard Volbert, geschäftsführender Gesellschafter von Stroever © WFB/Pusch

Drei Generationen unter einem Dach

Im hauseigenen Labor in der Überseestadt experimentieren SSB-Expertinnen und Experten fortwährend an neuen Einsatzmöglichkeiten, besonders für die Lebensmittelbranche. Rund 25 Beschäftigte arbeiten aktuell bei SSB, etwa die Hälfte davon in der Verwaltung, im Vertrieb oder im Labor. Burkhard Volbert: „Bei uns sind drei Generationen tätig, wir schätzen und pflegen ein familiäres Verhältnis untereinander.“ Vom früheren Hafenarbeiter bis zum promovierten Chemiker seien ganz unterschiedliche Qualifikationen vertreten.

Ebenso vielfältig wie die Kompetenzen im Unternehmen ist die teilweise über lange Zeiträume gewachsene Kundschaft. Unter den weltweit mehreren hundert Abnehmern gebe es solche, die SSB schon seit 50 Jahren beliefere, berichtet Volbert. Gestützt werde diese vergleichsweise statische Struktur durch die Tatsache, dass es weltweit nur wenige weitere Produzenten gebe.

Bremer Firma mit über 125-jähriger Tradition
Die Firma Bernhards & Stroever wurde 1893 als Bremer Handelsunternehmen mit Sitz in der Martinistraße Ecke Bredenstraße gegründet. Zunächst wurde unter anderem Kopal (Baumharz) und Rohschellack importiert. Schon bald entwickelte die Firma eigene Verfahren und konzentrierte sich in der Folge auf die Schellackveredelung. 1961 vereinigte Stroever & Co. seine Produktion mit Werken in Hamburg und Mainz zur Kalkhof GmbH Petersen & Stroever KG (KPS), später wurde die Produktion vollständig in Bremen zusammengezogen. Seit 1995 agiert auch die Geschäftsführung wieder von Bremen aus.

Von den Verwerfungen der Corona-Pandemie sind die Bremer Schellack-Spezialisten bisher weitgehend verschont geblieben. Die Geschäfte laufen nach wie vor gut, ist zu hören, ein Schwerpunkt liegt bei der Belieferung von Kunden im Sektor Nahrung und Genuss, einer Branche also, die in Bremen und in der Region in Bewegung ist und die den zweithöchsten Anteil an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aufweist. Kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups drängen mit frischen Ideen und Aktivitäten auf den Markt, gestützt von einschlägigen Netzwerken und Forschungseinrichtungen. Sind derartige Initiativen für SSB interessant?

Für eine Handvoll Schellack müssen ganz schön viele Lackschildläuse ran
Für eine Handvoll Schellack müssen ganz schön viele Lackschildläuse ran © WFB/Pusch

Neues am Runden Tisch

„Wir sind nicht auf unser traditionelles Geschäft beschränkt“, gibt Burkhard Volbert zu verstehen. So könnten Manufakturen oder kleine Unternehmen mit eigener Herstellung und eigenem Vertrieb durchaus zu einer interessanten Zielgruppe werden, zum Beispiel bei Süßwaren und Dragees. Volbert: „Wenn neue Produkte entwickelt werden, gehen wir gerne mit eigener Beratung oder mit eigenen Entwicklungsschritten in Vorleistung, um daraus möglicherweise neue Geschäfte zu generieren. Wenn das Manufakturen sind, ist das für uns interessant, denn dort findet ja Produktion statt, während der Online-Handel für uns nicht relevant ist.“

Allerdings müssten sich neue Ansätze natürlich auch im Markt etablieren, um rentabel zu werden. Oft stelle sich die Rentabilität aber erst mit der Zeit heraus. Bei SSB wisse man ziemlich gut, mit welcher Oberflächenbehandlung ein (neues) Lebensmittelprodukt zu einem attraktiven Produkt werde.

Um am Puls der Zeit zu bleiben, hat SSB sich deshalb auch eingeklinkt in die Arbeitsgruppen des Runden Tischs der Nahrungs- und Genussmittelbranche, den die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa ins Leben gerufen hat. „Da sitzen Newcomer und erfahrene Expertinnen und Experten zusammen und tauschen sich aus, daraus kann etwas Neues entstehen“, ist Volbert überzeugt.

Foto Oksana Muhs Sapelkin

Oksana Muhs-Sapelkin

Die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa

Referentin Industrie & Cluster

T +49 (0)421 361- 32140

!ed.nemerb.haw[AT]niklepas-shum.anasko

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