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20.9.2019 - Berit Böhme

Aufgetafelt

Pressedienst
„Compagnie der Schwarzen Häupter“ holt im November wieder besonderen Silberschatz hervor
Schatz der Schwarzhäupter
Die silberne Prunkkanne in Gestalt des heiligen Mauritius, sitzend auf einem Hippokampen wurde 1665 in Augsburg gefertigt. Der Heilige – so wird vermutet – ist Namensgeber der Compagnie der Schwarzen Häupter. © WFB/Focke Strangmann

Sie hat schon sechs Jahrhunderte auf dem Buckel, ist aber keineswegs in die Jahre gekommen: Die „Compagnie der Schwarzen Häupter“. Die ursprünglich deutsch-baltische Bruderschaft hat in Bremen eine neue Heimat gefunden. Sie bereichert die hanseatische Kulturlandschaft mit einem liebevoll polierten Kleinod. Einmal im Jahr wird es benutzt. Am 2. November ist es wieder soweit. 

Silberschatz hat seinen Platz im Ludwig Roselius Museum

So mancher hält sein Tafelsilber vorsichtig unter Verschluss. Nicht so die Mitglieder der „Compagnie der Schwarzen Häupter aus Riga“. Sie teilen den Anblick ihrer historischen Tafelaufsätze, Prunkkannen und Trinkpokale mit den Besuchern des Ludwig Roselius Museums in der Bremer Böttcherstraße. „Es ist ein Silberbestand von besonders hoher Qualität“, sagt der Archivar der Compagnie, Professor Hans-Albrecht Koch. „Aus den Hochburgen der Silberschmiedekunst in Augsburg, Riga und Lübeck.“ Der Schatz verlässt allerdings einmal im Jahr seinen angestammten Museumsplatz. Die Mitglieder der Compagnie nutzen ihn für ein besonderes Mahl. Aber dazu später mehr.

Konterfei eines Märtyrers als Compagnie-Logo

Hinter dem rätselhaften Namen „Compagnie der Schwarzen Häupter“ verbirgt sich eine im hohen Mittelalter in der heutigen lettischen Hauptstadt Riga gegründete Bruderschaft. Ihr gehörten ledige deutsche Kaufleute an. Woher die Bezeichnung Schwarzhäupter stammt, ist nicht eindeutig geklärt. Vermutlich geht der Name auf den Schutzpatron der Soldaten, den Heiligen Mauritius zurück. Sein schwarzes Konterfei ist sozusagen das Logo der Compagnie. Mauritius‘ Haupt ziert auch das älteste überlieferte Dokument der Rigenser, die Statuten aus dem Jahre 1416.

Bruderschaft war mildtätig – und trinkfreudig

Auch die Satzung ist unter den Exponaten in der Böttcherstraße. Beim Eintritt in die Bruderschaft mussten die angehenden Schwarzhäupter einen Eid schwören. Ursprünglich gehörte neben Mildtätigkeit, der Hilfe für in Not geratene Gefährten und Frömmigkeit auch die Stadtverteidigung zu den Aufgaben der Schwarzhäupter. Eines kam bei all dem aber nie zu kurz: die Geselligkeit. „Sie haben gerne mal gefeiert, es waren trinkfreudige und streitbare Leute“, sagt der „Ältermann“ (Vorsitzende) Dr. Hans-Georg Friedrichs.

Riga und Bremen sind seit Jahrhunderten eng verbunden

Im Laufe der Jahrhunderte mauserten sich die Schwarzhäupter zu einer der einflussreichsten Bruderschaften Rigas. Ihr Silberschatz speiste sich aus Geschenken von Mitgliedern und Gästen. Die Kaufleute trafen sich in Riga im „Neuen Haus“, das um 1700 in „Schwarzhäupterhaus“ umbenannt wurde. Das Gebäude am Rathausplatz wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und später gesprengt. Bei der Rekonstruktion in den 1990er Jahren spielte Bremen eine entscheidende Rolle. Die beiden Hansestädte Bremen und Riga sind seit jeher eng verbandelt. Riga wurde Anfang des 13. Jahrhunderts vom Bremer Bischof Albert gegründet.

Ein Schatz wird im Krieg auseinandergerissen

Die über 500-jährige Präsenz der Deutschbalten im Baltikum endete 1939 abrupt mit dem Hitler-Stalin-Pakt. Auch die Compagnie der Schwarzen Häupter wurde aus dem Land geworfen, das Schwarzhäupterhaus enteignet. Der letzte Eintrag im Gästebuch stammt vom Arzt Ferdinand Sauerbruch. „Den Silberschatz konnten sie zu nicht unerheblichem Teil mitnehmen“, erzählt Archivar Hans-Albrecht Koch. Ein Teil des Schatzes blieb in Riga, wo er heute im Museum für Rigaer Stadtgeschichte und Schifffahrt ausgestellt wird. Andere Objekte verschwanden in Moskau. Im Krieg wurde der von der Compagnie gerettete Schatz in einem Bergwerk im Harz eingelagert, nach Kriegsende landete er bei einer US-Sammelstelle in Wiesbaden.

An der Stirnseite des Raumes können die beiden wichtigsten Stücke des Silberschatzes betrachtet werden: die Statuette des Heiligen Georg aus Riga (links) und die Prunkkanne in Gestalt des heiligen Mauritius (rechts).
An der Stirnseite des Raumes können die beiden wichtigsten Stücke des Silberschatzes betrachtet werden: die Statuette des Heiligen Georg aus Riga (links) und die Prunkkanne in Gestalt des heiligen Mauritius (rechts). © WFB/Focke Strangmann

Compagnie findet 1980 an der Weser neue Heimat

„Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Mitglieder wiedergefunden“, sagt Koch. Zunächst war die Compagnie als Verein in Hamburg registriert, seit 1980 ist die Gemeinschaft in Bremen heimisch. Zu Hause ist die Compagnie unter dem Dach der Handelskammer, im Schütting am Marktplatz. Seit 1987 ist dem Silberschatz im ersten Stock des nahegelegenen Roselius-Museums ein eigener Raum gewidmet.

Hingucker für die Besucher: Figur mit Reliquienfach

Die „Schatzkammer“ zieht die Museumsbesucher an. „Das Interesse ist schon sehr groß“, sagt der Direktor der Museen Böttcherstraße Dr. Frank Schmidt. „Viele Besucher sind erstmal überrascht, den Schatz hier zu sehen.“ Für Schmidt ist vor allem die Statuette des Heiligen Georgs „ein exzeptionelles Stück“. Die Figur mit Reliquienfach entstand 1507 in Lübeck. Es ist das älteste und zugleich das einzige erhaltene vorreformatorische Objekt. Die Schwarzhäupter wandten sich ab 1523 dem protestantischen Glauben zu. Manche beteiligten sich sogar am „Bildersturm“ und schmolzen dabei auch eigene Kunstwerke ein.

Silberschatz steht für gelebte Geschichte und Tradition

In derselben Vitrine an der Stirnseite der Schatzkammer steht ein weiterer Hingucker: eine Prunkkanne in Gestalt des Heiligen Mauritius. Der Ausschank des 1665 in Augsburg entstandenen, teils vergoldeten Stücks ist im Pferdekopf versteckt. Nur wer ganz genau hinschaut, entdeckt den Deckel. Die meisten Stücke stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die jüngsten Arbeiten sind Digestifbecher aus dem Jahr 2007. Für Frank Schmidt steht der Silberschatz für „gelebte Geschichte und Tradition“.

„Kulturgut, das nie in Gebrauch ist, ist verlorenes Kulturgut“

Permanent steht der Schatz nicht in den Museumsvitrinen. „Kulturgut, das nie in Gebrauch ist, ist verlorenes Kulturgut“, ist Hans-Albrecht Koch überzeugt. Einmal im Jahr zieren ausgewählte Stücke die Festtafel des „Brudermahls“ der Compagnie im Schütting, 2019 ist es der 2. November. Trotz des Namens sitzen auch Frauen mit am Tisch. Hans-Georg Friedrichs ist seit 30 Jahren ein Schwarzhäupter. Sattgesehen hat er sich an dem Tafelschmuck bisher nicht. „Es ist jedes Mal erhebend beim Brudermahl vor solchen Stücken zu sitzen“, schwärmt der Ältermann.

Nur der „Amicitia-Pokal“ darf angefasst werden

Für die Tafelzierden gilt: Angucken ja, Anfassen nein - außer für den „Amicitia-Pokal“, einen filigranen Freundschaftspokal aus dem Jahre 1654. Das mit Figuren von Bacchus und Merkur verzierte Trinkgefäß wird mit Champagner oder Sekt gefüllt und unter den Gästen herumgereicht. „Merkur ist der Gott der Kaufleute“, sagt Koch. Die Speisen und Weine des Brudermahls variieren. Nur der erste Gang ist stets Rigaer Lachs.

Niemand kann sich um eine Mitgliedschaft bewerben

Junggesellen müssen die Schwarzhäupter schon lange nicht mehr sein. Die Compagnie ist aber nach wie vor ein reiner Männerclub mit derzeit 25 Mitgliedern. Der Jüngste ist Anfang 40, der Älteste über 80. Bewerben oder gar einfach eintreten können Interessenten nicht. Die Gemeinschaft geht auf potenzielle neue Mitglieder zu. „50 Prozent der Mitglieder kommen aus Bremen“, sagt Friedrichs. „Der Rest ist übers Bundesgebiet verteilt.“ Nach wie vor hat das Gros einen kaufmännischen Hintergrund und Bezüge zum Baltikum. „Vererbt“ wird die Mitgliedschaft aber nicht. „Das ist kein Familienklüngel“, stellt der Ältermann klar. „Es geht auch alles sehr weltlich zu.“

Compagnie lobt Musikpreis aus

Die Compagnie habe zwar christliche Wurzeln, sei aber nicht konfessionsgebunden. „Sie hat vier Mal im Jahr einen Jour fixe, zum Gedankenaustausch“, sagt Friedrichs. Zudem machen die Mitglieder jährlich eine Reise, dieses Mal geht es nach Riga. „Alle zwei Jahre loben wir einen Musikpreis für die Musikakademie in Riga aus“, sagt Friedrichs. Am Vorabend des Brudermahls im November spielen die Preisträger im Schütting.

Schatz steht unter staatlichem Schutz: Er darf nicht verkauft werden

Im Museum ist auch die 1665 in Augsburg gefertigte „Taufschale“ ausgestellt. Darin waschen sich Neumitglieder traditionell die Hände, bevor sie den Compagnie-Schwur unterschreiben und bekräftigen, den Schatz nicht zu verkaufen. Zudem setzte sich der Verein für die Unterschutzstellung des Schatzes ein. „Der Silberschatz ist jetzt national wertvolles Kulturgut“, sagt Schmidt. Er darf nicht ins Ausland verkauft werden.


Service:

Zu den Museen der Böttcherstraße gehören das Paula Moderson Becker Museum und das Ludwig Roselius Museum in der Böttcherstraße Bremen. Letzteres beherbergt den Schatz der Compagnie der Schwarzen Häupter. Öffnungszeiten und Eintrittspreise für die Museen sind hier zu finden.


Pressekontakte:

Claudia Klocke, Pressesprecherin Museen Böttcherstraße, Tel.: +49 (0)421 338 82 36, c.klocke@museen-boettcherstrasse.de.

Hans-Albrecht Koch, Archivar der Schwarzhäupter, Tel.: +49 (0)160 968 78 475.

Hans-Georg Friedrichs, Ältermann der Schwarzhäupter, Tel.: +49 (0)421 250 404.


Bildmaterial:

Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

Foto 1: Die Prunkkanne in Gestalt des heiligen Mauritius, sitzend auf einem Hippokampen wurde 1665 in Augsburg gefertigt. Der Heilige – wird vermutet – ist Namensgeber der Compagnie der Schwarzen Häupter. © WFB/Focke Strangmann

Foto 2: An der Stirnseite des Raumes können die beiden wichtigsten Stücke des Silberschatzes betrachtet werden: die Statuette des Heiligen Georg aus Riga (links) und die Prunkkanne in Gestalt des heiligen Mauritius (rechts). © WFB/Focke Strangmann

Foto 3: Der Direktor der Museen Böttcherstraße Dr. Frank Schmidt präsentiert den Schatz der Schwarzhäupter im Ludwig Roselius Museum. © WFB/ Focke Strangmann

Foto 4: „Ein Silberbestand von besonders hoher Qualität“, schwärmt Hans-Albrecht Koch (links), Archivar der Schwarzhäupter. Auch Hans-Georg Friedrichs (rechts), Ältermann der Schwarzhäupter weiß um die Besonderheit des Schatzes der Compagnie. © WFB/Focke Strangmann


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