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23.10.2018 - Jann Raveling

Indische und deutsche Industrie näher zusammenbringen

Digitalisierung / Industrie 4.0
Dhewish nutzt die Digitalisierung, um die Industrien beider Länder zu verbinden
Padmaraj Pattanashetti mit seiner neu entwickelten Plattform für digitale, internationale Zusammenarbeit
Padmaraj Pattanashetti mit seiner neu entwickelten Plattform für digitale, internationale Zusammenarbeit © WFB/Frank Pusch

Das Beste aus beiden Welten: Ein junger Inder bringt von Bremen aus deutsches Engineering mit indischen Fabrikkapazitäten zusammen. Und das komplett digitalisiert – mit einem Klick in Echtzeit in die indische Fabrik. Wie Hersteller davon profitieren können.

Padmaraj Pattanashetti ist Wahlbremer. Der 32-jährige Inder liebt es, ein Bier an der Schlachte zu trinken, mag das historische Ensemble um den Marktplatz, genießt die Ruhe der Stadt und vor allem den Glühwein und Weihnachtsmarkt in Winter. Über Bremen schwärmt er: „Bremen ist meine Schule, hier wurde ich ausgebildet, hier gibts sehr gute Chancen, hier habe ich meine Kontakte.“

Der Inder kam 2012 nach Bremen. Ein Jahr zuvor hatte er als junger Absolvent auf der Hannover Messe die erstmalige Vorstellung des Industrie 4.0-Konzepts der Bundesregierung miterlebt. Sofort war ihm klar: Das ist die Zukunft. Als Ingenieur ging ihm das Potenzial der digitalisierten Industrie auf – und so schaute er sich direkt in Deutschland nach Master-Studienplätzen um, entdeckte das BIBA-Institut für Produktion und Logistik in der Hansestadt. „Da wollte ich hin, von diesem Know-how wollte ich profitieren!“, erinnert sich der Ingenieur sechs Jahre später.
Er ist an der Weser geblieben, in der mit indischen Verhältnissen vergleichsweise kleinen Stadt, und hat sie lieben gelernt. Hier veröffentlichte er seine Masterthesis zum Thema vernetzte, ferngesteuerte Maschinen und entwickelte daraus die Idee für sein eigenes Unternehmen: Dhewish.

Das Beste aus beiden Ländern kombinieren

Dhewish bringt Indien und Deutschland näher zusammen. Und möchte damit das Beste aus beiden Welten kombinieren. „Die deutsche Industrie ist sehr hoch entwickelt, setzt Standards in Qualität und Fertigung. Das hat jedoch einen Preis, vielen Industriezweigen mangelt es an Agilität, sie können nicht schnell genug auf Marktveränderungen reagieren“, sagt Pattanashetti. „Die indische Industrie ist viel flexibler, schneller und deutlich günstiger, ihr fehlt es jedoch am Fertigungs-Know-how.“

In einer 3D-Umgebung wird jede Fabrik digital dargestellt
In einer 3D-Umgebung wird jede Fabrik digital dargestellt – Produktionsabläufe lassen sich somit leicht aus der Ferne optimieren © Dhewish

Aus diesem Grund hat Pattanashetti eine digitale Plattform entwickelt, die Hersteller und Fabrikbetreiber aus den beiden Ländern zusammenbringt. Indische Fabriken sind dort vollständig digitalisiert: Wie bei einem Videospiel können Nutzer sich frei in einem 3D-Raum der Fabrik bewegen, wahlweise auch unterstützt durch Virtual-Reality-Brillen. Aktuelle Anlagendaten, wie die Produktionsrate oder Maschinenoutputs, werden in Echtzeit gesammelt und dargestellt. Die Fabrik komplett simuliert – ein digitaler Zwilling.

Vertrauen in Kompetenzen ausländischer Produktionsstandorte schaffen

Davon profitieren deutsche Auftraggeber. Sie können sich einen Eindruck der Fabrik machen, ohne vor Ort zu sein. In Echtzeit können sie ihr Fertigungswissen einbringen, um Prozesse zu optimieren oder Veränderungen vorzunehmen, sodass die Effizienz und Fertigungsqualität steigt.

Die Plattform schafft so Transparenz. Transparenz, die Grundlage für Vertrauen ist. „Üblicherweise treffen sich Hersteller und Lieferanten auf Messen wie der Hannover Messe, besuchen sich und kommen überein, zusammenzuarbeiten. Dhewish beschleunigt diesen Prozess und vereinfacht ihn zugleich“, so der Digitalexperte.

Dhewish erhöhe zudem die Response Time – also die Reaktionszeit für Veränderungen im Produktionsablauf. Innerhalb von 96 Stunden könne ein Kundenwunsch schon in Indien umgesetzt sein, rechnet Pattanashetti vor und ist überzeugt: So schnell geht es nirgendwo sonst.

Gegenseitige Eigenheiten verstehen

Dhewish will das Airbnb für Fabriken sein, eine Plattform, auf der sich Hersteller und Zulieferer treffen. Im Gegensatz zu dem großen amerikanischen Vorbild ist die Plattform jedoch nicht öffentlich, um Daten zu schützen und die unternehmerische Privatsphäre zu bewahren.

Pattanashetti übernimmt die Kommunikation zwischen Auftraggeber und -nehmer. „Ich kenne beide Länder und kann so zwischen den kulturellen und sprachlichen Eigenheiten vermitteln. Das beugt Missverständnissen vor“, sagt er. Inder seien enthusiastisch und hochmotiviert und müssten sich zunächst an die häufig langwierigen Prozesse deutscher Unternehmen gewöhnen.

Um den idealen Kandidaten für jede Anfrage zu finden, vergleicht er über 26 Parameter nach einem eigens aufgestellten Modell – dazu zählen auch geforderte Zertifizierungen oder bestimmte Produktionsmethoden.

Neben der 3D-Umgebung lassen sich Fabriken auch begehen wie in Google Streetview
Neben der 3D-Umgebung lassen sich Fabriken auch begehen wie in Google Streetview © Dhewish

Riesigen Markt nutzen

Rund 30 indische Fabriken sind bereits auf der Plattform digitalisiert, viele weitere sollen noch folgen. Die ersten Kunden hat Padmaraj bereits vermittelt. Die kommen aus verschiedenen Branchen – E-Mobility, Konsumgüter oder industrieller Anlagenbau. Denn die Branche sei egal, Auftraggeber und  Zulieferer müssen zusammenpassen, die Werkteilqualität müsse am Ende stimmen.

Kunden kämen auf Padmaraj mit ihren Designs und Materialvorstellungen zu, der Ingenieur sucht den passenden Lieferanten und erstellt ein Angebot. Kommen beide zusammen, können sie über die digitale Plattform den Produktionsprozess planen und optimieren.

Ein Tausendsassa aus Bremen

Derzeit arbeitet er daran, weitere Kunden und Auftragnehmer zu finden, sein digitales Modell zu optimieren und zu automatisieren. Denn noch ist Padmaraj Einzelkämpfer. Von der Kundenakquise bis hin zur Programmierung macht er alles allein – nur sein früherer BIBA-Professor unterstützt ihn als Mentor. In Indien arbeitet er mit einem kleinen Team zusammen, das die Fabriken digitalisiert.

Um nicht in Arbeit unterzugehen, will er jetzt Investoren suchen, die das Unternehmen auf sichere Beine stellen. Denn auch die Finanzierung stemmt er bisher allein.

World Trade Center als Hauptquartier

Sein Schreibtisch steht im Gründerzentrum des World Trade Center bei der New Ideas Craft GmbH von Paramjit Kohli – einem guten Freund. Beide Inder haben sich in Bremen kennengelernt und bereits bei BlumBio Solutions zusammengearbeitet, eine Marke, unter der Kohli biologisch abbaubares Einweggeschirr vertreibt. Kohli berät den jüngeren Pattanashetti bei allen Fragen rund um Recht, Steuern und Rahmenbedingungen in einem jungen Unternehmen, denn er sieht das große Potenzial der Plattform. „Es muss immer einer Brücke geben, einen Vermittler zwischen den Welten. Padmaraj möchte das Beste aus beiden Ländern miteinander verbinden, das gefällt mir an seiner Idee.“


Wenn Sie sich für eine Ansiedlung aus dem Ausland interessieren, kontaktieren Sie bitte Andreas Gerber, 0421 9600 123, andreas.gerber@wfb-bremen.de.

Sollten Sie Fragen rund um das World Trade Center Bremen haben, sprechen Sie bitte Elisabeth Breidbach, elisabeth.breidbach@wtc-bremen.de, Tel. +49 (0)421 9600-241, an.

Wenn es um die Gründung eines eigenen Unternehmens geht, dann führt in Bremen und Bremerhaven kein Weg am Starthaus vorbei: www.starthaus-bremen.de, +49 (0)421 9600 – 372.

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