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Wie Unternehmen sich in Zukunft organisieren müssen

Die Herausforderungen der Digitalisierung
Die Herausforderungen der Digitalisierung lassen sich nur in interdisziplinären Teams lösen © pexels.com


Die Digitalisierung ist im Mittelstand angekommen. Unternehmen stellen sich zunehmend Fragen nach der Betriebsorganisation, danach, wie sie Fachkräfte gewinnen und halten in Zeiten von Arbeit 4.0. Wie sich Unternehmen in Zukunft aufstellen müssen und wie sie geführt werden (Digital Leadership), erläutern die Bremer Organisationsberaterin Dorothee Schäfer von Schäfer & Breuss GbR und Dr. Erika Voigt von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Voigt ist Innovationsmanagerin für das Thema Arbeit 4.0 und berät Unternehmen zum Wandel der Arbeit.

Frau Schäfer, wenn wir von Digitalisierung sprechen, reden wir häufig über Cloud, Big Data, Sensoren, kurz: Es geht um Technik. Sie sagen aber: Nicht die Technik steht an erster Stelle, wenn es um Wertschöpfung geht, wir müssen über die Menschen reden!

Dorothee Schäfer: Viele verstehen unter Digitalisierung Werkzeuge und Technologien, die Probleme vereinfachen und ihnen Arbeit abnehmen. In Führungsseminaren werde ich etwa häufig gefragt, wie Führung über Skype oder andere digitale Medien funktioniert. Das Bild in den Köpfen: Alles erledigt die Maschine, der Mensch und die Begegnung wird überflüssig. Aber genau das Gegenteil ist der Fall!

Überraschung und Unvorhersehbarkeit machen die Komplexität aus. Ihr können wir nur mit Kreativität begegnen

Dorothee Schäfer

Unsere globalisierten, digitalisierten Märkte sind sehr komplex. Wir können Probleme nicht durch formale Standardisierung lösen, wie es im Industriezeitalter funktioniert hat. Prozesse, Regeln und Steuerung helfen uns nicht mehr weiter, wenn die Ideen der Wettbewerber uns immer schneller treffen. Wir müssen darauf reagieren können. Wir haben es mit dynamischen Systemen zu tun. Festgelegte Prozesse und Regeln sind keine Lösungen, sie sind starr.

Und diese Komplexität können wir nicht durch Technik lösen?

Dorothee Schäfer: Computer und künstliche Intelligenz bewältigen definierbare Probleme, sind aber äußerst beschränkt darin, mit Unvorhersehbarem umzugehen. Wir können diese dynamischen Probleme nur durch Kreativität lösen. Hier sind Menschen gefragt. Sie können diese Herausforderungen in Gruppen lösen. Dann, wenn Sie ihr individuelles Potenzial, ihre Fähigkeiten und ihr Wissen miteinander verbinden. Für Unternehmen heißt das: Sie müssen ihre Beziehungsdichte erhöhen, ihre Kommunikation verbessern und mehr Austausch über alle Bereiche hinweg schaffen.

Sie sind Unternehmensberaterin – und die sind bekannt dafür, Regeln, Prozesse und Abläufe nach festen Schemata anzuwenden. Wofür sind Sie denn jetzt noch gut?

Dorothee Schäfer: Gute Beratung hat noch nie mit fixen Lösungen und festen Schemata funktioniert. Berater können nicht in Unternehmen gehen und sagen: Ich weiß, wie es geht. Im Mittelpunkt steht bei uns daher die Frage: Wer sitzt mit welchen Fähigkeiten und welchem Potenzial an welcher Stelle? Denn nur durch menschliche Interaktion lösen wir Probleme. Wir müssen die richtigen Personen an die richtigen Positionen setzen. Jemand, der innovativ und kreativ ist, muss den Raum haben, sich auszuleben und Neues auszuprobieren.

Unsere Aufgabe ist es daher, gemeinsam mit der Organisation ein klareres Bild zu schaffen, wie sie tickt. Dabei ist die informelle Organisation meist bedeutender als die formalen Prozesse und Strukturen. Es geht oft darum Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer auch Schwieriges ansprechbar wird. Dies ist eine der Voraussetzungen, damit Neues entstehen kann. Beteiligung und partizipative Verfahren erweisen sich als ein sehr wirkungsvolles Mittel, um das kreative Potenzial zu aktivieren.

Dr. Erika Voigt und Dorothee Schäfer im Gespräch
Dr. Erika Voigt und Dorothee Schäfer im Gespräch über die Arbeitswelt 4.0 © WFB/Raveling

Auch in der Wirtschaftsförderung geht es um Beratung – Frau Voigt, was heißt Beratung da für Sie?

Dr. Erika Voigt: Bei der WFB beobachten wir, wir hören zu und machen Entwicklungen sichtbar. So gibt es bei den Veranstaltungen in der WFB regelmäßig unter den Unternehmerinnen und Unternehmern ein Aha-Erlebnis, wenn wir zeigen, was Komplexität in digitalisierten Märkten eigentlich heißt. Wenn Führungskräfte merken, dass es anderen ähnlich geht und sie gemeinsam über ihre Erkenntnis diskutieren können, ist das für viele der erste Schritt in die Digitalisierung. Wenn man Entwicklungen benennen kann, kann man mit ihnen auch einfacher umgehen.

Mit welchen Instrumenten kann die Wirtschaftsförderung Unternehmen dabei konkret unterstützen?

Erika Voigt: Wir schaffen ein Bewusstsein: Was hat sich geändert? Wo sind die Schnittstellen? Wo gibt es neue Anknüpfungspunkte zu Kunden oder Zulieferern durch neue Technologien? Durch aktives Zuhören entstehen am Ende individuelle Lösungen.

Wir lernen mit den Unternehmen – denn in der Dynamik der Digitalisierung hat niemand Lösungen vom Fließband parat.

Erika Voigt

Ein Instrument ist unser DIGILAB Brennerei 4.0, hier arbeiten junge Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen, Universitäten und Hochschulen gemeinsam für Unternehmen an neuen Produkten und Geschäftsmodellen. Ziel sind individuelle, marktgerechte Lösungen. Dabei nutzen sie kreative Methoden wie Design Thinking oder Barcamps. Ziel ist es, neue Märkte zu finden und Kundenbedarf neu zu denken.

Eine Methoden, die wir einrichten, sind Barcamps, wo Teilnehmer miteinander Lösungen für konkrete Probleme entwickeln. Das ist eine Art Konferenz auf Augenhöhe, es gibt keine Vortragenden und Zuhörenden mehr, nur noch Kompetenz, die eingebracht wird.

Frau Schäfer, Experten prophezeien, dass Hierarchien in der Digitalisierung flacher werden, denn auf Dynamik können starre Hierarchien nicht reagieren. Was heißt das für Führungskräfte, die zu Digital Leadern werden wollen?

Dorothee Schäfer: Dort wo Unternehmen mit Hierarchien an Grenzen stoßen werden diese zunächst selten abgeschafft, sondern meist durch ein ‚zweites Betriebssystem‘ ergänzt, welches mehr Agilität und Selbststeuerung erlaubt. Unabhängig davon ob die Überschriften agile, liquide oder cross-cutting-teams heißen – die Herausforderungen für Führungskräfte sind in der Praxis ähnlich: Sie müssen verstärkt zu Kommunikatoren werden und Bedingungen für Selbststeuerung schaffen.

Der Schlüssel beim Thema Digitalisierung ist der Menschen, selten die Technik.

Dorothee Schäfer

Führungskräfte sind hier gefordert über ihren Bereich hinauszudenken, das Ganze in den Blick zu nehmen. Ein stärkeres Miteinander setzt dabei ungeahnte Potenziale frei und verringert nebenbei auch die Konkurrenz um Ressourcen.

Maschinen übernehmen alle Routineaufgaben – was digitalisiert und automatisiert werden kann, wird digitalisiert und automatisiert. Sie fordern: Wir müssen kreativer werden. Wie nehmen wir die Beschäftigten in diesem Prozess mit und leiten sie dazu an, kreativ zu werden?

Dorothee Schäfer: Nehmen wir einmal einen 40-jährigen Arbeitnehmer. Psychologisch gesehen hat der in den vergangenen 15-20 Jahren überwiegend ungünstige Erfahrungen damit gemacht, offen zu sein, Verantwortung zu zeigen und mitzudenken. Das war nicht gefragt, bisher ging es vor allem um Effizienz und Konformität. Nun zu fordern, dass jemand in Zukunft vermehrt selbststeuernd, abteilungsübergreifend, eigenverantwortlich und kreativ arbeiten soll geht schief. Wir wurden 20 Jahren auf etwas ganz anderes trainiert.

Unternehmen müssen die Grundlage dafür schaffen, dass Arbeitnehmer günstigere Erfahrungen machen. Sie müssen erleben, was es heißt, gemeinsam Ideen zu entwickeln und Verantwortung zu tragen.

Dorothee Schäfer

Erst konkretes Erleben schafft Vertrauen und einen gelebten Kulturwandel. Man kann Menschen nicht von außen motivieren. Die Bewältigung der Komplexität durch Digitalisierung gelingt nur, wenn Menschen intrinsisch motiviert sind und einen Sinn sehen. Die Aufgabe von Unternehmen ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Mitarbeiter für das Neue einladen, ermutigen und inspirieren.

Wie erschaffen wir diese intrinsische Motivation?

Dorothee Schäfer: Das beginnt bei den Führungskräften: Haben sie ein Menschenbild, dass der Verantwortung, Selbständigkeit und Eigeninitiative von Mitarbeitern entspricht? Stehen sie hinter einer Idee, glauben sie an eine Sache, können sie andere einladen, ermutigen und inspirieren? Unternehmen wollten früher nicht gerne über Unternehmensphilosophien und –ethiken sprechen. Das war etwas für die Broschüre oder Internetseite. Ich erlebe gerade an vielen Stellen, dass sich das ändert. Die Wirtschaft entwickelt ein Bedürfnis für eine gelebte Kultur, insbesondere im Hinblick auf die Digitalisierung. Unternehmen merken, dass sie mit Regeln allein nicht weiterkommen, sie passen nicht in eine dynamische Welt. Eine Kultur vermittelt hingegen Sinn, sie gibt einen Handlungsrahmen vor.

Erika Voigt: Das sehen wir auch bei jüngeren Generationen, die heute Haltung fordern. Man könnte auch sagen: Einen Sinn, eine Motivation für ihr Handeln im Unternehmen. Dieser Prozess wird aber dauern. In den Unternehmen arbeiten unterschiedliche Menschen, die in ganz unterschiedlichen Unternehmenskulturen erwachsen geworden sind. Von der Machtkulturen in den 70er, 80er Jahren bis zu einer offenen, führungs- und hierarchielosen Kultur.

Können Sie ein Beispiel dafür geben, wie eine Unternehmenskultur Sinn vermittelt?

Dorothee Schäfer: Nehmen wir den Automobilbau. Statt „Wir bauen Autos“ sollte es heißen „Wir schaffen Mobilität“. Das ergibt ganz andere Möglichkeiten, über Zukunft nachzudenken. Etwa Elektromobilität oder Carsharing. Das ist ein Zweck, ein Sinn, dem Menschen im Unternehmen folgen können und der ihnen einen Horizont zum Handeln gibt. Und durch den Beschäftigte dynamisch auf Umweltänderungen reagieren können.

Frau Voigt, Sie haben täglich mit den mittelständischen Unternehmen in Bremen zu tun. Sehen Sie diese Entwicklung auch in der Praxis?

Erika Voigt: Ja, besonders in unseren Veranstaltungsformaten zu aktuellen unternehmerischen Themen, den Innovationswerkstätten. Etwa der Workshop: „Wie wollen wir künftig Arbeiten und Leben?“ Mich erstaunte, auf welcher Ebene das Thema behandelt wurde. Das Ergebnis der Diskussion unter Unternehmerinnen und Unternehmern: Wir müssen eine Ethik finden, alle Mitarbeiter mitnehmen und für Qualifizierung sorgen. Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen – und eine Rolle für Unternehmenskultur und die Führung finden. Das wird in der Praxis gewünscht und gefordert.

Zum Schluss – was raten Sie Unternehmen jetzt als erste, konkrete Schritte auf dem Weg zu einer neuen Führungs- und Organisationskultur, zum Digital Leadership?

Dorothee Schäfer: Fangen Sie zunächst bei sich selbst an, egal ob als Unternehmer, Führungskraft oder Mitarbeiter: Was ist mein Menschenbild? Was sind meine Glaubenssätze darüber, wie Arbeit funktioniert und welche anderen Erfahrungen gibt es? Glaubenssätze haben einen großen Einfluss und hindern daran, Neues zu erfahren. Unser Gehirn mag Regeln und Routinen und verändert sich nicht gerne. Der erste Schritt bei Kulturveränderung ist daher sich selbst beim Denken zu beobachten.

Der zweite Schritt besteht darin, Konkretes erlebbar zu machen. Kultur drückt sich nicht in Mission Statements aus, sondern in der gelebten Alltagspraxis. Mitarbeiter brauchen konkrete Erlebnisse, um Vertrauen in das Neue aufzubauen. Ein guter Weg ist es daher, an einer kleinen aber bedeutenden Stelle das Neue zu leben. Etwa indem ‚Pioniere des Wandels‘ in ein Team zusammengezogen werden, sich gegenseitig stärken und als Gruppe Energie gewinnen.

Kulturwandel bedarf einer kritischen Masse und motivierte Pioniere strahlen auf die Gesamtorganisation aus.

Dorothee Schäfer

Erika Voigt: Wir als WFB zeigen Veränderung auf. Aber die Lösung muss im Unternehmen gefunden werden: Wie sieht Führung individuell aus? Deshalb haben wir als WFB das Förderinstrument der Beratungsdienstleistung entwickelt. Ein Berater, der zunächst eine Bestandsanalyse macht und sich alles anschaut. Ziel ist eine individuelle Lösung. Vielleicht ähneln sich die Ergebnisse im Endeffekt, jedoch ist der Weg dahin immer ein anderer.

Frau Schäfer, Frau Voigt, vielen Dank für das Gespräch.


Weitere Informationen zur Digitalisierung der Arbeitswelt, Arbeit 4.0 und Führung gibt es bei Dr. Erika Voigt, Tel.: 0421 9600 337, Erika.Voigt@wfb-bremen.de

Welche Services die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH bei der Digitalisierung Ihres Unternehmens bietet, finden Sie auf der Übersichtsseite Digitalisierung.

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