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Ein langer Kampf um Gleichberechtigung

Nach 60 Jahren Raumfahrtgeschichte kämpfen Frauen wie die Bremerin Claudia Kessler immer noch um Anerkennung in einer Männerdomäne – doch mit Erfolg. Ein Umdenken hat begonnen.

Claudia Kessler, HE Space
Claudia Kessler möchte bis zum Jahr 2020 die erste deutsche Astronautin ins All schicken. © WFB/Frank Pusch

Weibliche Astronauten sind die Ausnahme

Seit den Anfängen der Raumfahrt in den 1950er Jahren sind über 540 Menschen ins All geflogen. Nur 60 Astronauten davon waren weiblich – ein Frauenanteil von knapp 11 Prozent. Bis heute sind weibliche Astronauten die Ausnahme und müssen sich gegen Diskriminierung und Vorurteile behaupten. Doch mittlerweile wächst die Anerkennung von Frauen auch in der Raumfahrt.

Bei einer derart geringen Frauenquote hätten in anderen Bereichen der Wirtschaft die Gleichstellungsbeauftragten längst medienwirksam protestiert. Tatsächlich ist auch in der Raumfahrt aktuell eine Richtungsänderung zu spüren: Kürzlich hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt auf seinem alljährlichen Frühjahrstreffen verkündet, den Frauenanteil in Führungspositionen der Branche bis Dezember 2017 signifikant zu erhöhen. Die jüngste Gruppe von Astronautenanwärtern und -anwärterinnen der NASA ist zu 50 Prozent weiblich – und Organisationen wie die „Women in Aerospace Europe“ setzen sich für eine Stärkung von Frauen in Raumfahrtberufen ein.

Beginn der Gleichberechtigung unter falschen Vorsätzen

Den langen Weg hin zu dieser positiven Entwicklung ebneten über 50 Jahre hinweg Frauen genauso wie Männer. Schon bevor die Russin Valentina Tereshkova als erste Frau 1963 ins All flog, stieß der Mediziner Randy Lovelace in den USA erstmals eine Diskussion um Frauen in der Raumfahrt an. Lovelace hatte in den 1950er Jahren einen medizinischen Test für angehende Astronauten entwickelt. Mit Hilfe dieses Tests konnte man körperliche Reaktionen auf die extremen Bedingungen des Weltraums prüfen. Neugierig, wie Frauen in dem Test abschneiden würden, begann er – da die NASA die Förderung des Projekts verweigerte – auf eigene Kosten Frauen als Probanden einzusetzen.

Ms Moneypennys im Weltraum

Der visionäre, andererseits vom Zeitgeist bestimmte Blick Lovelaces in die Zukunft sah eine Zeit voraus, in der Astronauten über Jahre hinweg im All bleiben würden. Für die Forschung und das Leben an Bord würde man Assistentinnen, Krankenschwestern und Sekretärinnen benötigen. Frauen wurden nicht als potentielle Wissenschaftlerinnen im Weltraum gesehen, sondern als Assistentinnen, die ihren männlichen Kollegen den Alltag und die Arbeit erleichtern sollten.

Lovelaces weibliches Rollenbild passt zu dem, was zu jener Zeit in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Ein Artikel, der 1958 in dem Männermagazin Real erschien, befasste sich mit den „enormen sexuellen Problemen“ die sich bei einer rein männlichen Raumschiffbesatzung ergeben würden. Der Autor des Artikels wies darauf hin, dass das Zölibat, Kastration oder Homosexualität „inakzeptable Optionen“ seien. In dieselbe Kerbe schlug der deutsche Raketeningenieur Wernher von Braun. Er kommentierte die Aussicht auf weibliche Astronautinnen mit der als Witz gedachten Bemerkung, dass die NASA eine Nutzlast von 50 kg für Freizeitzwecke vorsehe.

Was lange währt wird endlich gut?

Seit diesen Tagen hat sich viel getan. In den 1970er Jahren gelangte die Agenda der Frauen in den USA vermehrt an die Öffentlichkeit. Vor allem durch Bewegungen wie das Antidiskriminierungsgesetz, die Bürgerrechtsbewegung und die zweite Welle der Frauenbewegung. Auch die NASA sprang auf den Zug auf. 1978 engagierte sie sogar die Star Trek-Schauspielerin Nichelle Nichols, um Frauen für das Astronautenprogramm zu gewinnen.

Mittlerweile werden gezielt Projekte gestartet, um Frauen in Raumfahrtberufen zu stärken. 2015 fand ein solches Projekt im Rahmen des Trainings für eine Mondmission 2029 in Russland statt. Acht Tage lang lebten sechs Astronautinnen in einem nachgebauten Raumschiff, um sich der physischen und psychischen Belastung einer Mission im All auszusetzen. Eine wegweisende Idee für die Zukunft der Raumfahrt, doch in der Umsetzung zeigte sich schnell, dass alte Muster schwer abzulegen sind.

Auf der Pressekonferenz im Vorfeld des Tests blieben die sechs Frauen sogar vor Sexismus aus den eigenen Reihen nicht verschont. Igor Ushakov, Direktor des Moskauer Instituts für biomedizinische Probleme, äußerte den Wunsch, die Frauen mögen sich während des Tests gut verstehen. „Zwei Frauen finden es schwer, in einer Küche zusammen zu leben“, so seine Anmerkung. In der Presse konnte man daraufhin Fragen lesen, wie die Frauen im Weltraum ohne Make-up, Shampoo und ohne Männer zurecht kommen würden.

Starke Frauen für die Zukunft

Gruppenfoto Women in Aerospace Europe (WIA)
„Women in Aerospace Europe“ setzen sich für eine Stärkung von Frauen in Raumfahrtberufen ein. © HE Space

Heute sieht die Lage von Frauen in vielen Bereich des beruflichen Lebens sehr anders aus. Das liegt auch an Frauen wie Claudia Kessler aus Bremen. In einer Branche, in der immer noch nur 10 Prozent der Ingenieure weiblich sind und Frauen 2 Prozent der Führungspositionen besetzen, ist sie eine Ausnahme. Sie leitet die Deutschlandniederlassung des Zeitarbeitsunternehmens Hernandez Engineering Space (HE Space) in Bremen und hat in ihrem Unternehmen von 150 Mitarbeitern einen Frauenanteil von 40 Prozent erreicht. Kessler fand, dass diese Quote auch für andere Unternehmen wünschenswert ist. Deswegen gründete sie 2009 zusammen mit der ESA-Direktorin Simonetta Di Pippo die Women in Aerospace Europe (WIA). Seitdem ist der Verein auf 300 Mitglieder gewachsen, die sich über Mentorenprogramme und Kongresse vernetzen und gegenseitig fördern.

Frauen machen in aller Stille einen guten Job und hoffen entdeckt zu werden – Claudia Kessler, HE Space

Claudia Kessler hat auch im Blick, dass Frauen in professioneller Hinsicht ihr Licht oft unter den Scheffel stellen. Eine ihrer Mitarbeiterinnen hebt hervor: „Sie achtet auch auf die Stillen. Es wird nicht derjenige befördert, der sich vordrängelt.“

Die erste deutsche Astronautin

Das neuste Projekt der Bremerin sorgt 2016 für Aufsehen in der ganzen Welt: Auf einem privat finanzierten Weltraumflug möchte Kessler bis zum Jahr 2020 die erste deutsche Astronautin ins All schicken. Über 400 Bewerbungen gingen bis zum Bewerbungsschluss Ende April ein. Die Planung der Mission und die Finanzierung durch Sponsoren und Crowdfunding sollen bis zum Herbst dieses Jahres abgeschlossen sein. Danach beginnen die ersten medizinisch-psychologischen Untersuchungen, bei denen das DLR die Mission unterstützt. Etwa 90 Interessentinnen müssen dann neben Konzentrations- und Aufmerksamkeitstests auch ihr räumliches Vorstellungsvermögen auf die Probe stellen. In einer zweiten Etappe werden die besten 30 Kandidatinnen in Interviews auf ihre Persönlichkeit, Motivation und Belastbarkeit hin untersucht und müssen sich außerdem in Teamaufgaben beweisen. Das sei wichtig, betont Yvonne Pecena vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin, denn jeder Astronaut müsse über hohe kognitive Fähigkeiten verfügen und sich schnell an neue, unerwartete Situationen anpassen können. Einen eigenen Twitter-Account hat #DieAstronautin schon einmal, hier wird sie nach ihrem Ausbildungsstart, der für 2017 geplant ist, über ihre Erlebnisse twittern. Kessler ist überzeugt, dass viele deutsche Wissenschaftlerinnen nur auf den richtigen Moment warten, um ihr Licht unter dem Scheffel hervorzuholen.


Weitere Informationen zum Thema Raumfahrt in Bremen gibt es bei Barbara Cembella, Tel.: 0421 9600 340, barbara.cembella@wfb-bremen.de.


Informationen zum Luft- und Raumfahrtstandort Bremen finden Sie hier.

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