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Delegation wirbt in Kalifornien für den Raumfahrtstandort Bremen


„Back to the roots“ könnte der Titel der Delegation lauten, die im August 2016 unter der Leitung von Wirtschaftssenator Martin Günthner nach Kalifornien aufbrach. Ein 40-köpfiges Team aus Start-ups, Wirtschafts- und Raumfahrtexperten besuchte Raumfahrtunternehmen in Los Angeles, San Francisco, und im Silicon Valley. Hans-Georg Tschupke, Abteilungsleiter Innovation der Wirtschaftsförderung Bremen, erzählt im Interview von dem Unterschied zwischen US-amerikanischen und deutschen Start-ups, den Zielen der Reise und schildert seine nachhaltigsten Eindrücke.

Portrait: Hans-Georg Tschupke
Nachhaltig beeindruckt: Hans-Georg Tschupke, Leiter der Abteilung Innovation der Wirtschaftsförderung Bremen © WFB/Frank Pusch


Die Delegationsreise drehte sich um New Space und Start-ups in der Raumfahrtbranche. Wann hielten diese Themen im Raumfahrtstandort Bremen Einzug?

Vor gut eineinhalb Jahren haben wir uns in Bremen das erste Mal mit dem Phänomen New Space, der kommerziellen Raumfahrt beschäftigt. Wir veranstalteten hierzu ein „StartupWeekend Space“. 80 Teilnehmende aus 13 Ländern reisten zu dem Event nach Bremen. Ziel war es, kreative Köpfe aus der Raumfahrtbranche zusammenzubringen.

Von dem Erfolg beflügelt, haben wir im April 2016 eine weitere Veranstaltung ins Leben gerufen: das „Disrupt Space Summit“ mit 200 Teilnehmenden. Die meisten Teilnehmenden kamen aus den USA angereist, um sich im internationalen Kontext mit dem Thema New Space zu befassen.

Und aus diesem Event hat sich die Delegationsreise entwickelt?

Genau, auf der „Disrupt Space" konnten sich die Teilnehmenden Start-ups an einer Challenge beteiligen: Die Gewinnerinnen und Gewinner erhielten eine Reise in die USA, um zu den Wurzeln der kommerziellen Raumfahrt zu reisen.

Was war das Ziel der Delegationsreise?

Ein Ziel war es, den Raumfahrtstandort Bremen mit den international bekannten Unternehmen wie Airbus und OHB sowie Bremen als Standort für New-Space-Start-ups zu präsentieren.

Wenn wir kommerzielle Raumfahrt international denken, müssen wir wissen, was auf der anderen Seite des Ozeans passiert. Wir möchten eine Einschätzung bekommen: Was machen die Anderen und wie machen sie es? Welche Kosten sind damit verbunden? Im März sind wir nach China gereist. Auch dort gibt es eine junge aufstrebende Start-up-Szene in der Raumfahrt. Gemeinsam mit chinesischen, deutschen und anderen europäischen Start-ups haben wir dort Workshops veranstaltet.

Bei dieser Reise nach Kalifornien wollten wir gemeinsam mit den etablierten Raumfahrtunternehmen, der Wissenschaft und diesen jungen Start-ups zu den Wurzeln der kommerziellen Raumfahrt reisen, um zu sehen, wie Unternehmensgründungen, beziehungsweise Start-ups und kommerzielle Raumfahrt in den USA funktionieren.


Gruppenfoto der Delegation
Start-ups und Wirtschaftsexperten auf gemeinsamer Mission: Ein Besuch des NASA Ames Research Centers stand ebenfalls auf dem Plan der 40-köpfigen Delegation © Adah International


Seniors und Juniors treten gemeinsam die Reise an…

Richtig, üblicherweise bestehen Delegationen aus den älteren Spitzenkräften der Wirtschaft. Zu dieser Besatzung hinzu kamen junge Start-ups aus ganz Europa mit denen wir nach Kalifornien reisten. Sich gemeinsam zu finden und die unterschiedlichen Vorstellungen zusammenzubringen, war spannend: Anfänglich gingen alle vorsichtig fragend aufeinander zu und zum Schluss war allein im Bus zu sehen, wie sich alle immer wieder neu mischten. Es fand die ganze Zeit ein reger Austausch zwischen den Teilnehmenden statt. In dieser einen Woche haben sowohl die Seniors als auch die Juniors so viel gelernt, wie in mindestens zwei Jahren nicht.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen den Gründungen von Start-ups in den USA und Deutschland?

Start-ups sind im Wesentlichen technologie- und sehr stark wachstumsorientiert. Die Unternehmen, die wir in den USA besucht haben, sind noch stärker auf Wachstum ausgerichtet, als hier in Europa. In den USA ist nichts Unfeines daran, aufzutreten und zu sagen: „Ich will 1.000.000 Dollar Umsatz machen.“ In Deutschland würde man dafür belächelt. Das ist einer der großen Unterschiede.

Wie funktioniert das mit der Finanzierung?

Den Gründern im Sillicon Valley steht eine sehr große Möglichkeit von Finanzierungen zur Verfügung. Dabei handelt es sich überwiegend um privates Geld. Auch in den USA gibt es staatliche Finanziers. Aber selbst die staatlichen, öffentlichen Stellen, wie die NASA, verhalten sich wie private Geldgeber. Das bedeutet, die Start-ups erhalten keine finanzielle Förderung in der Gründungsphase. Stattdessen kaufen die Finanziers im Nachhinein die neu entwickelten Produkte.


Made in Space: Senator Günthner und sein Assistent Tim Cordssen
Made in Space: Senator Günthner und sein Referent Tim Cordssen inspizieren die Ergebnisse eines 3D-Druckers. © Sebastian D. Marcu


Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir das Unternehmen Made in Space als Beispiel für die private Finanzierung und somit auch für die kommerzielle Raumfahrt: Made in Space hat einen 3D-Drucker entwickelt, der auf der Raumstation funktioniert. Durch die Schwerelosigkeit, die auf der Raumstation herrscht, bedarf es einer besonderen Technologie. Da keine Schwerkraft vorhanden ist, können aber auch ganz andere Formen entstehen.

Hier sehen Sie den Unterschied zu Deutschland: Made in Space hat das Gerät auf eigene Kosten und somit auf eigenes Risiko entwickelt. Danach hat das Unternehmen einen Vertrag mit der NASA abgeschlossen, der beinhaltet, dass die NASA Made in Space bei der Verwendung der Technologie unterstützt.

Am Anfang steht das eigene kommerzielle Risiko, aber bei Erfolg erhält man den Auftrag vom Staat.

Und wie läuft es in Deutschland?

In Deutschland handelt es sich um Agenturgeschäfte. Es gibt nationale und internationale Raumfahrtagenturen, die sich eher als Entwicklungspartner verstehen und mehr an der Entstehung der Produkte und Projekte mitwirken, als sie schließlich zu kaufen. Natürlich trägt ein Unternehmen damit auch ein Risiko, dieses ist aber nicht kommerziell.

Welche Unterschiede zwischen Deutschland und den USA gibt es noch?

Die US-Amerikaner scheinen deutlich pragmatischer im Angang zu sein. Das Start-up SpaceX zum Beispiel schießt eine Rakete hoch und guckt, ob sie funktioniert. In Europa rechnen wir erstmal zehn Jahre rum, bevor wir ausprobieren, ob die Rakete fliegt. Das hat beides seine Vor- und Nachteile.

Kommerzielle Raumfahrt beinhaltet das Ziel, in freier unternehmerischer Entscheidung ein Geschäftsmodel zu verfolgen. Aber auch die klare Erkenntnis: Ohne die Beteiligung des Staates funktioniert es heute nicht.

Ist kommerzielle Raumfahrt für Deutschland denkbar?

Es gibt sie heute schon. Kommunikationssatelliten werden auch in Deutschland gebaut. Der Schritt, den OHB mit der Serie von Galileo Satelliten geht, eine Serie zu konkreten Preisen aufzulegen, ist ein Schritt in Richtung Kommerzialisierung.

Welche Chancen birgt die kommerzielle Raumfahrt?

Kommerzielle Raumfahrt bietet neue Chancen für viele. Wenn ich etwas kommerziell machen möchte, muss ich überlegen, wie mein Geschäftsmodell aussehen soll. Ich bin nicht mehr nur technologiegetrieben, es geht nicht mehr nur darum, zu sehen, was möglich ist, sondern ich muss überlegen, wer mein Produkt hinterher haben will und bereit ist, dafür zu bezahlen.

Der Wettbewerb wird zunehmen und aus diesem kann sich eine größere Vielfalt ergeben. Die Richtung ist sehr sinnvoll für eine größere Chancenvielfalt.

Bedeutet das langfristig, dass Raumfahrt günstiger wird?

Davon gehe ich aus. Das hat sich eigentlich immer bewahrheitet. Sagen wir mal so: Es wird immer auch eine öffentlich betriebene und getriebene finanzierte Raumfahrt geben, die sehr forschungsorientiert ist. Aber es kann auch zunehmend eine Raumfahrtbranche für Produkte geben, die nicht öffentlich finanziert und nicht forschungsorientiert sind, sondern einen schlichten Nutzen für die Menschen auf der Erde haben.


Die Produktionsstätte des Unternehmens Bagaveev
Es geht auch ohne viel Schnickschnack: Das Start-up Bagaveev Corporation © Floris Porro


Erzählen Sie von Ihren bemerkenswertesten Eindrücken.

Wir waren bei einem Unternehmen, Bagaveev Corporation, das 3D-Druck Triebwerke für Raketen im Low Orbit Bereich baut. In meiner Fantasie findet so etwas in einem Hightech-Clean-Room in einem Technologiepark statt. Wir fuhren mit einem Bus zu der Adresse und hielten vor einem Bretterschuppen, der sich neben einem Friedhof, einer Ranch und einem Trailerpark befand. In diesem Bretterschuppen wurde die ganze Hightech entwickelt. Pragmatisch und fokussiert auf das, was die eigentliche Aufgabe ist. Kein Schickimicki rechts und links. Der Entwickler sagte sich: „Ich gebe mir fünf Jahre, um mein Ziel zu erreichen. Wenn ich es nicht schaffe, hab ich hier fünf Jahre lang Spaß gehabt.“

Ein anderes Unternehmen, das wir besuchten, befand sich in einem ehemaligen McDonalds Restaurant. Die Fritteusen waren noch vorhanden, die Mannschaft saß auf Tischen und Stühlen des Gastraumes. Das war eine richtig tolle Atmosphäre, hier in Deutschland aber undenkbar.

Einfach den ersten Schritt tun. Diesen Spirit einzufangen, war für mich insgesamt das beste Ergebnis – die Fokussierung darauf, sehr pragmatisch sein Ding zu machen.

Richten wir den Blick auf Bremen: Was macht Bremen zu einem ausgezeichneten Raumfahrtstandort?

Bremen gilt international als ein so starker und authentischer Raumfahrtstandort, dass wir für Veranstaltungen, wie das „StartupWeekend-Space" und „Disrupt Space" ausländische Gäste und Start-ups aus aller Welt in unser Bundesland holen können.

Wir haben es der Internationalität des Bremer Raumfahrtstandortes, mit seinen Unternehmen und seinen wissenschaftlichen Einrichtungen zu verdanken, dass so viele Unternehmen kommen und die deutschen ergänzen. In Bremen befinden sich OHB, Airbus, das ZARM ... Abgesehen von München fehlt anderen deutschen Standorten die Fachlichkeit.

Die beiden Veranstaltungen „StartupWeekend Space" und „Disrupt Space" haben gezeigt, dass Bremen als Standort einen richtig guten Ruf hat und international vernetzt ist. Das ist die nachhaltige Notwendigkeit: Es ist wichtig, dass Bremen ständig an seinem Ruf als qualifizierter Raumfahrtstandort arbeitet. Die Stadt muss international so bekannt und relevant sein, dass sich zum Beispiel ein Start-up aus den USA nach seiner Festigungsphase überlegt, dass Bremen der perfekte Standort für eine Niederlassung in Europa sein könnte. Denn wenn sich ein Start-up gefestigt hat und sich internationalisieren will, ist entscheidend, dass wir als attraktiver Raumfahrtstandort bei dem Unternehmen präsent sind und es aufgrund unserer Qualifikation eine Ansiedlung bei uns in Erwägung zieht.

Welche Ereignisse stehen in der Raumfahrt als nächstes an?

Im März 2017 findet die nächste Disrupt Space-Konferenz in Bremen statt. Und der Internationalisierungskurs den wir gemeinsam mit der Industrie und den Start-ups gehen, wird sich 2018 beim International Astronautical Congress in Bremen zeigen. Wir werden den IAC nutzten, um Bremen und Deutschland international zu vermarkten und zu präsentieren. Auch in diesen Kontext gehört die Gesamtstrategie der Internationalisierung der Raumfahrtkompetenzen.

Herr Tschupke, vielen Dank für das Gespräch!


Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie bei Hans-Georg Tschupke, 0421 9600 320.

Weitere Informationen zum Thema Raumfahrt in Bremen gibt es bei Dr. Barbara Cembella, Tel.: 0421 9600 340.

Informationen zur Delegationsreise finden Sie hier.

Informationen zum Luft- und Raumfahrtstandort Bremen finden Sie hier.

Informationen zum Thema Internationale Ansiedlung erhalten Sie hier.

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