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5.2.2019 - Jann Raveling

Wieviel KI braucht der Mittelstand?

Digitalisierung / Industrie 4.0
Wie die Bremer Digitalagentur hmmh auf Künstliche Intelligenz setzt
In der mittleren der acht hmmh-Etagen im Bremer Wesertower: Ein Ort zum Treffen, Austauschen und Ideen spinnen
In der mittleren der acht hmmh-Etagen im Bremer Wesertower: Ein Ort zum Treffen, Austauschen und Ideen spinnen © hmmh

Wieviel Künstliche Intelligenz (KI) braucht der Mittelstand? Sollen Unternehmen jetzt in die KI einsteigen? Wir haben einen gefragt, der es weiß: Bastian Diedrich.

Der junge Bremer ist ein Mann mit Weitblick. Nicht schwer, würden manche sagen – von seinem Büro im Weser Tower, dem höchsten Bürogebäude Bremens, kann er in alle Richtungen weit über die Hansestadt blicken.

Und auch wenn es um neue Technologien geht, ist der 33-jährige immer vorne dabei: Als „Head of Business Development“ der Digitalagentur hmmh ist es sein Job, Angestellte zu vernetzen, ihnen den Zugang zu neuen Technologien zu ermöglichen und immer auf dem neuesten Stand zu sein. Dazu gehört auch das Wissen um Künstliche Intelligenzen (KI). „Ein geiler Job“, sagt er grinsend.

Digitaler Durchblick aus der Hansestadt

Mit mehr als 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist hmmh eine der größten E-Commerce-Agenturen Deutschlands – spezialisiert auf die Konzeption, den Bau und Betrieb von Webshops, Online-Marktplätzen, Newslettersystemen bis hin zu POS (Points-of-Sale) oder Printprodukten. Alles aus einem Guss. Tchibo, Bonprix, Schaeffler, viele große Namen setzen auf digitale Dienste für den Handel aus Bremen. „Einen Großteil macht aber der Mittelstand in Norddeutschland aus“, so Bastian Diedrich.

Künstliche Intelligenz kommt bei einigen dieser Projekte zum Einsatz. Dazu gehören Chatbots, die in Apps den Kunden Outfits empfehlen, oder Systeme, die den Weg eines Nutzers durch eine Webseite verfolgen und ihm basierend auf seinen Präferenzen individuelle Angebote machen.

Bastian Diedrich, Head of Business Development bei hmmh
Bastian Diedrich, Head of Business Development bei hmmh © hmmh

Ist der Hype um die KI zu viel?

So erfolgreich die KI-Technologie in diesen Projekten auch eingesetzt wird, warnt Diedrich doch davor, sie als den Allheilsbringer anzusehen, zu dem sie in den Medien gerade gemacht wird. „KI ist wirkungsvoll, zweifellos, aber derzeit überhypt“, sagt der Leiter der Geschäftsfeldentwicklung. „Jeder Anwender muss sich fragen: Was ist das konkrete Problem? Was steckt wirklich dahinter? Wie kann ich den Nutzen für mich und meine Kunden durch KI steigern? Und da kann die Antwort auch mal lauten: Nein, es lohnt sich derzeit nicht.“

Starke Worte von einer Agentur, könnte man sagen. Aber diese Ehrlichkeit ist hmmh wichtig. „Wir setzen da auf die KI, wo sie wirklich Sinn macht und sich wirtschaftlich auch lohnt. Wir machen keinen Hype, wir stehen für handfeste Umsetzung“, vertritt Diedrich überzeugt.

Daten, Daten, Daten

Ein Ort für Handfestes bei hmmh ist die Unit MAD. Sie steht für „Mobile Apps & Devices“. Als Unit bezeichnet die Agentur einen Bereich, der sich vollumfänglich um Kunden mit einem konkreten Thema widmet. Die MAD sitzt im 15. Stock des Bremer Weser Towers und belegt damit eine der obersten der acht hmmh-Etagen in dem imposanten Gebäude am Rande der Bremer Überseestadt. In der MAD werden Konzepte und Technologien entwickelt, hier sitzen Programmiererinnen und Programmierer neben Kreativen an Apps, Augmented oder Virtual Reality und vor allem an Internet-of-Things-Geräten, verarbeiten Maschinendaten für neue Anwendungen.

Und gerade diese Daten sind ein Knackpunkt, wenn es um den Einsatz einer KI geht. „Das Ökosystem rund um die KI muss da sein, sonst wird aus dem Projekt nichts“, sagt Diedrich hier oben im 15. Stockwerk. „Die ersten Fragen, die sich Unternehmen auf dem Weg zur KI stellen müssen, sind daher: Welche Daten habe ich? Erhebe ich zum Beispiel Maschinendaten in der Produktion oder im Controlling? Kann das Marketing Zahlen liefern? Wie kann ich im Unternehmen weitere Daten erheben und so aufbereiten, dass diese für KI-Applikationen auch konsumierbar sind?“

Diese könnten in vielen Formen vorliegen, seien es Fotos, Audioaufnahmen, Videos, Sensorwerte oder Tabellen mit Besucherverhalten von der Webseite. „Viele Unternehmen haben keine ausreichende Datenbasis und wenn, dann ist diese unstrukturiert“, erläutert Diedrich. Soll heißen: Die KI kann nichts mit ihr anfangen.

Strukturieren, katalogisieren: mehr als die halbe Miete

Um zu erfahren, warum gut sortierte und veredelte Daten so wichtig sind, geht es von der 15. in die 9. Etage. Statt kleiner Gruppenbüros findet sich hier ein weiter Flur, beinahe über die ganze Etage hinweg. Hier reihen sich Arbeitsplätze dicht an dicht aneinander. „60 bis 70 Prozent der Arbeit beim Einsatz einer KI steckt in der Datenaufbereitung. Und das wird unter anderem hier gemacht“, erzählt Diedrich, während er in die Runde blickt.

Jede KI ist nur so gut wie die Daten, auf die sie zurückgreift. Und zu Beginn eines jeden Projekts müssen vorhandene Daten gepflegt, aufbereitet und angepasst werden. Arbeit, die trotz aller Automation nur händisch geschehen kann. „Um eine KI zu trainieren, Bilder zu erkennen, müssen wir in den Trainingsdaten erst festlegen, was auf den Bildern zu sehen ist“, erklärt Diedrich. Diese Arbeitskraft muss zunächst investiert werden.

Der Wesertower mit seinen 22 Stockwerken: Eine imposante Landmarke in Bremen
Der Wesertower mit seinen 22 Stockwerken: Eine imposante Landmarke in Bremen © hmmh

Wochenlang sitzen Contentspezialistinnen und -spezialisten dann vor dem Bildschirm, versehen tausende Daten mit zehntausenden Schlagworten oder sortieren Unmengen an Daten in ein zentrales Format. „Welche Form die Daten schlussendlich haben müssen, entscheiden unsere KI-Consultants individuell von Kunde zu Kunde“, erläutert Diedrich.

„Sind die Daten erst einmal gepflegt, kann der Spaß beginnen“, ergänzt er dann noch. Dann könne die KI trainiert werden, loslegen und ihre Magie wirken.

KI im Mittelstand – auf ins Getümmel oder doch warten?

Auch hier stellt sich wieder die Frage: Lohnt sich der ganze Aufwand für den Mittelstand? Sollten Unternehmen das Thema KI angehen oder ruhen lassen? Nichts zu tun, auch das sei falsch, davon ist der Bereichsleiter überzeugt. Auch im Mittelstand könne die KI heute effektiv eingesetzt werden, wenn die Problemstellung dies als Lösung ermögliche. KI um der KI willen einzusetzen, mache jedoch keinen Sinn.

Um einen Eindruck von den Einsatzmöglichkeiten zu bekommen, sollten sich Unternehmen daher vor allem Wissen aneignen, rät der Experte. Dienstleister wie hmmh böten Veranstaltungen, in denen Unternehmen sich mit der Technologie auseinandersetzen können, Fragen stellen und Antworten erhalten.

Vernetzen und gemeinsam lernen

Auch deshalb ist die Agentur ein Gründungsmitglied von Bremen.AI, dem KI-Netzwerk im Bundesland Bremen. „Die Technologie entwickelt sich rasend schnell und es ist eine Herausforderung, den Überblick zu behalten, da hilft uns das Netzwerk. Bremen ist ein herausragender KI-Standort mit viel Potenzial, der attraktiv für Unternehmen und Fachkräfte ist“, so Diedrich.

Neben dem Austausch von KI-Spezialisten untereinander organisiert das Bremen.AI-Netzwerk Veranstaltungen und Seminare, in denen sich interessierte Firmen einen Überblick verschaffen können.

Diedrich übernimmt im Netzwerk die Arbeitsgruppe „KI-Ethik“, er will darüber aufklären, dass die Künstliche Intelligenz keine Gefahr für den Menschen bedeute, sondern das Leben in vielen Bereichen vereinfache. „Viele Menschen haben Fähigkeiten, die sie noch gar nicht richtig entwickelt haben, die KI gibt uns mehr Freiheit, unsere Wege zu gehen“, sagt der Spezialist für den digitalen Handel.

Er muss es wissen – den nötigen Weitblick hat er dafür. Hier oben, im Weser Tower, über den Dächern Bremens.


Weitere Informationen zur Digitalisierung und zum Industrie 4.0-Kompetenzverbund gibt es bei Kai Stührenberg, Tel.: 0421 361-32173, kai.stuehrenberg@wah.bremen.de

Wissenswertes, Neuigkeiten und Tipps zur Überseestadt Bremen erhalten Sie hier: www.ueberseestadt-bremen.de

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