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23.7.2021 - Anne-Kathrin Wehrmann

Nachts im Supermarkt

Digitalisierung / Industrie 4.0

Bremer Start-up entwickelt Roboter zur Stärkung des stationären Einzelhandels

Die Geschäftsführer von Ubica Robotics Georg Bartels (l.) und Jonas Reiling führen in einer Filiale einer Drogeriekette in Bremen ihren Scanroboter vor
Die Geschäftsführer von Ubica Robotics Georg Bartels (l.) und Jonas Reiling führen in einer Filiale einer Drogeriekette in Bremen ihren Scanroboter vor. © WFB/Sarbach

Der rollende Kollege ist zwei Meter groß, schmal und wiegt nur gut 60 Kilo. Wenn nach Feierabend die letzten Angestellten den Laden verlassen haben, fängt sein Job erst an: Sobald die Eingangstür verschlossen ist, verlässt der Roboter-Kollege automatisch seine Ladestation, schaltet seine Beleuchtung und seine Kameras an und fährt zielstrebig durch die Reihen. Gang für Gang scannt er die Verkaufsregale und speichert ab, welche Produkte in welcher Menge wo stehen. Am Ende seines Einsatzes hat der Roboter mithilfe seiner Kamerasysteme und von künstlicher Intelligenz ein digitales Abbild des Warenbestands der gesamten Einzelhandelsfiliale erstellt - und das jede Nacht aufs Neue.

„Der tagesaktuelle digitale Zwilling bildet die Filiale in einem Detailgrad ab, den es heute nirgends gibt“, erläutert Jonas Reiling (32), Geschäftsführer des Bremer Start-ups Ubica Robotics das Besondere an dem Roboter. „Weil diese Daten bisher fehlen, kann der stationäre Einzelhandel viele seiner Potenziale nicht ausschöpfen. Unser Roboter wird helfen, das zu ändern und damit die Konkurrenzfähigkeit der Filialen gegenüber dem Online-Handel stärken.“

Roboter verschafft Mitarbeitenden mehr Zeit für die Beratung

An dem Tag, an dem eine Filiale eines Supermarkts oder einer Drogerie eröffnet wird, weiß der Händler oder die Händlerin noch genau, welches Produkt wo und in welcher Anzahl steht. Doch mit der Zeit entfernt sich nach Erfahrung von Reiling und seinem Co-Gründer Georg Bartels die Realität immer weiter vom Plan. „Dinge werden an der Kasse nicht korrekt abgebucht, Waren gehen kaputt, es gibt Diebstähle, Fehler bei der Lieferung oder falsch ins Regal einsortierte Artikel“, erläutert der 35-jährige Geschäftsführer Georg Bartels. „Das führt dazu, dass im Schnitt 60 Prozent der Warenbestände in den Filialen nicht korrekt erfasst sind.“ Genau das soll die neue Technologie ändern - und damit letztlich zu einer Steigerung der Effizienz im Einzelhandel beitragen, da sich Lieferketten und interne Prozesse optimieren lassen.

„Kein Mensch kann jeden Tag Tausende Artikel zählen und ihren genauen Standort festhalten“, sagt Bartels. „Das funktioniert noch nicht einmal bei der jährlichen Inventur fehlerlos.“ Der Roboter sei aber nicht als Konkurrenz zu den Angestellten zu verstehen, sondern biete im Gegenteil eine Unterstützung: „Unsere Vision ist es, dass der stationäre Einzelhandel attraktiver wird, weil sich die Beschäftigten intensiver der Beratung ihrer Kundschaft widmen können. Und das geht nur, wenn aufwändige Zähl-Arbeiten von der Technik erledigt werden.“

Nach Geschäftsschluss zieht der Roboter durch die Verkaufsregale und checkt den Warenbestand.
Nach Geschäftsschluss zieht der Roboter durch die Verkaufsregale und checkt den Warenbestand. © WFB/Sarbach

Roboter bietet vielfältige Nutzungsszenarien

Die Möglichkeiten seien vielfältig, die vom Roboter gesammelten Daten zu nutzen, sagen die Gründer. Ein aktuelles Beispiel dafür sei der während der Corona-Pandemie populär gewordene „Click and Collect“-Einkauf: Wenn die Angestellten durch den Laden laufen, um die zuvor von Kunden oder Kundinnen online bestellten Artikel zusammenzusuchen, lasse sich mithilfe des digitalen Filialzwillings viel Zeit sparen. „Das könnte dann so aussehen, dass der Mitarbeiter auf seinem Smartphone die Bestellliste angezeigt bekommt. Und zwar direkt in der richtigen Reihenfolge der Artikel, sodass ihm die kürzeste Route vorgeschlagen wird“, erklärt Jonas Reiling.
 
Auch fehlende Ware, die der Roboter bei seinen nächtlichen Messungen anhand leerer Regalflächen identifiziert, könnte das System künftig automatisch nachbestellen. Und während momentan noch wöchentlich Angestellte damit beschäftigt seien, Etiketten von abgelaufenen Sonderangeboten zu finden und zu entfernen, könne auch hier die neue Technologie für genaue Informationen und optimierte Laufwege sorgen. „Es gibt da wirklich viele unterschiedliche Nutzungsszenarien, die die Prozesse in den Filialen vereinfachen können“, betont der 32-jährige Reiling.

Team von Ubica Robotics wächst schnell

Die Idee für die Technologie des autonomen Scanroboters basiert auf den Ergebnissen eines europäischen Forschungsprojekts. Dieses hatte zum Ziel, logistische Prozesse in Supermärkten zu verbessern. An ihm war auch die Arbeitsgruppe für künstliche Intelligenz (KI) der Universität Bremen beteiligt, in der Reiling und Bartels als wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt waren. Zusammen mit ihren Uni-Kollegen Ferenc Bálint-Benczédi und Alexis Maldonado gründeten sie im Mai 2020 das Unternehmen Ubica Robotics als Technologie-Ausgründung der Universität. Mithilfe finanzieller Unterstützung durch das Förderprogramm EXIST des Bundeswirtschaftsministeriums erweiterten die Gründer ihr Team, das aktuell überwiegend aus Software-Entwicklern besteht, auf inzwischen sieben Mitarbeitende plus zwölf Werksstudierende. „Der Bedarf ist riesig“, sagt Jonas Reiling. „Wir gehen davon aus, dass wir perspektivisch noch Dutzende weitere Arbeitsplätze schaffen werden.“

Prototypen sind schon im Einsatz

Als erster großer potenzieller Kunde ist die Drogeriemarktkette dm mit im Boot. Zur Erprobung sind bereits zwei Prototypen des Ubica-Scanroboters regelmäßig in dm-Filialen im Einsatz. „Der Roboter kann schon praktisch alles, was relevant ist“, sagt Georg Bartels. „Wir befinden uns jetzt in der Langzeittestung. Ziel ist es, im kommenden Jahr in die Serienproduktion einzusteigen.“ Die Aussichten sind vielversprechend: Obwohl sich die Jungunternehmer bisher mit Öffentlichkeitsarbeit noch bewusst zurückgehalten haben, weil sie erst die Testphase beenden wollen, haben sie schon Anfragen von weiteren Einzelhandelsketten.

Der Scanroboter von Georg Bartels (r.) und Jonas Reiling stößt auf großes Interesse im Einzelhandel.
Der Scanroboter von Georg Bartels (r.) und Jonas Reiling stößt auf großes Interesse im Einzelhandel. © WFB/Sarbach

Bremern ist idealer Standort

Den Wirtschaftsstandort Bremen haben die beiden, die ursprünglich nicht aus der Gegend kommen, längst schätzen gelernt. Im Rahmen der Unternehmensgründung haben sie verschiedene Programme aus dem Bremer Gründungsökosystem wahrgenommen - unter anderem eine Beratung durch das Starthaus, das zentrale Anlaufstelle für Start-ups in der Stadt ist. Für eine Entwicklung wie ihre sei der Standort Bremen ideal, meint Jonas Reiling: „Wir können hier auf kluge Köpfe in einem guten KI-Umfeld zurückgreifen“, erläutert er. „Gleichzeitig ist Bremen auf der Robotik-Landkarte noch nicht so überlaufen, dass es unüberschaubar wäre. Wir können uns darum gut vernetzen und gehen davon aus, dass uns das perspektivisch auch noch weiterbringen wird.“

Wenn alles nach Plan läuft, soll nach den Vorstellungen der Gründer in einigen Jahren in jeder Filiale der künftig beteiligten Einzelhandelspartner ein eigener Roboter unterwegs sein. „Wir sprechen da von mehreren tausend Geräten, für die wir auch regelmäßig Support und Software-Anpassungen liefern werden“, betont der 35-Jährige. „Wenn wir in Serie gehen, wird unser Start-up für den Bereich der Service-Robotik Neuland betreten - das wird eine spannende Zeit.“

Pressekontakt:
Georg Bartels, Ubica Robotics, Tel.: +49 421 40893227, E-Mail: info@ubica-robotics.eu

Bildmaterial:
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Foto 1: Die Geschäftsführer von Ubica Robotics Georg Bartels (l.) und Jonas Reiling führen in einer Filiale einer Drogeriekette in Bremen ihren Scan-Roboter vor. © WFB/Jörg Sarbach
Foto 2: Nach Geschäftsschluss zieht der Roboter durch die Verkaufsregale und checkt den Warenbestand. © WFB/Jörg Sarbach
Foto 3: Der Scanroboter von Georg Bartels (r.) und Jonas Reiling stößt auf großes Interesse im Einzelhandel. © WFB/Jörg Sarbach

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