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7.7.2023 - Claudia Kuzaj

Eine Bühne für die Integration

Kreativwirtschaft

Bremer Theatermacherin stärkt Kinder und Jugendliche aus der Ukraine

Kira Petrov
Hilft Kindern und Jugendlichen mit Migrations- und Fluchterfahrung, sich zu integrieren und die eigenen Stärken zu erkennen: Die Bremer Intendantin Kira Petrov, geboren in Sibirien © WFB/Lehmkühler

Die Bremer Intendantin Kira Petrov weiß, wie es ist, sich fremd zu fühlen. Mit 15 Jahren kam sie als Spätaussiedlerin aus Sibirien nach Deutschland. Ihr Start war alles andere als leicht, doch inzwischen hat sie in Bremen eine neue Heimat gefunden. Heute hilft die Schauspielerin und Regisseurin in der Hansestadt mit den Projekten ihres „Theaters 11“ Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine und anderen Ländern, sich zu integrieren und an sich zu glauben.

Zu Beginn reißt der Faden, der die Menschen miteinander verbindet. Plötzlich ist jeder auf sich allein gestellt. So beginnt es, das Stück, das mehrere Dutzend Kinder und Jugendliche zur Premiere auf die große Bühne des Theaters Bremen geführt hat. Zehn- bis 17-Jährige Mädchen und Jungen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und die nun mit den gerissenen Fäden ihres jungen Lebens zurechtkommen müssen. Intendantin Kira Petrov und ihr Team vom „Theater 11“ in der Bremer Innenstadt haben das Stück „Friede beginnt in mir“ mit Kindern und Jugendlichen aus einer Willkommensschule – Vorklassen für Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine in Bremen – entwickelt. Hinter ihnen liegen viele Wochen intensive Arbeit, unterstützt durch die Senatorin für Kinder und Bildung. Das Ziel war, ein kulturelles Angebot an den Willkommensschulen zu etablieren, bestehend aus Tanz und Schauspiel, Musik-, Kunst- und Medienkursen.

Integration, Empowerment, Spracherwerb – Begriffe, über die in Politik und Medien viel diskutiert wird. Die Bremer Intendantin Kira Petrov geht den Schritt von der Theorie in die Praxis und füllt diese Begriffe mit Leben. Mit ihren Projekten hilft sie unter anderem Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine, ihre eigenen Stärken zu entdecken und über das Theater zum Vorschein zu bringen. Petrovs Engagement für Integration hat viel mit ihrer eigenen Biografie zu tun. „Wir haben schnell festgestellt, dass diese Kinder noch mehr Bedarf haben“, sagt Kira Petrov. „Also haben wir ihnen am Nachmittag AGs angeboten.“ Eine Art Theatertherapie sei es gewesen, in der die Schülerinnen und Schüler „ihre Geschichten über das Spiel verarbeitet haben“, so Petrov. Sie lebten Traumata und Emotionen aus – begleitet von acht Dozentinnen und Dozenten, Regisseurinnen und Regisseuren sowie Choreografinnen und Choreografen, die ebenfalls Migrations- und Fluchterfahrung haben. „Diese Kinder sind aus ihrem Leben herausgerissen worden.“ Nun müssen sie lernen, ihre Emotionen zu leben, denn: „Die Emotionen, die nicht gelebt werden, machen krank.“

Kinder bei einer Theateraufführung
Zehn- bis 17-Jährige Mädchen und Jungen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und die nun mit den gerissenen Fäden ihres jungen Lebens zurechtkommen müssen – eine Szene aus dem Stück „Friede beginnt in mir“, das Kira Petrov und ihr Team vom „Theater 11“ mit den Kindern und Jugendlichen entwickelt haben. © Miles-Vincent Kleveman

Mit Emotionen umgehen und innere Ruhe finden

Kira Petrov weiß, wie wichtig es ist, hier Unterstützung zu bieten. Denn geflüchtete Kinder versuchen oft, ihre Emotionen zu beherrschen und zu unterdrücken. Petrov: „Weil sie zum Beispiel ihre Mama nicht verletzen wollen, da die Mama ohnehin ganz viel Stress hat. Gleichzeitig sind sie nicht abgeholt, schweben irgendwo zwischen der Ukraine und hier, sind nirgendwo angekommen – da sollte man anpacken, ihnen erklären, dass die erste und allerwichtigste Aufgabe ist, Frieden zu finden, innere Ruhe zu finden.“ Aus dieser Arbeit sei dann das große Projekt „Friede beginnt in mir“ gewachsen, das die Kinder und Jugendlichen aus der Willkommensschule schließlich auf die große Bühne am Theater Bremen gebracht hat. Mit selbst entwickelten Szenen, eigenen Kostümen, Bühnenbildern und Filmen.

Wo sehe ich mich in zehn Jahren, was würde ich Politikerinnen und Politikern sagen wollen? Das waren Leitfragen während der Theater-Proben. Petrov: „Ein Junge hat gesagt, dass er sich schämt, dass es ihm gut geht hier, während seine Freunde und Verwandten drüben unter den Bomben leiden. Das lässt ihn nicht in Ruhe leben. Das finde ich so stark, dass die Jugendlichen diese Dinge einbringen, auch daraus sind Szenen entstanden.“ Die Botschaft des Stücks: „Jeder Mensch ist in der Lage, seine innere Welt zu beeinflussen.“ Wer inneren Frieden finde, könne auch Frieden in die Gesellschaft tragen. Der symbolische Faden, der zu Beginn auf der Bühne reißt, wird am Ende wieder aufgenommen. Damit steht er für die Veränderungen, die die Darstellerinnen und Darsteller durchlebt haben. „Das Kind, das aus dem Theater herausgeht, ist stärker als das Kind, das hineingekommen ist. Sie lernen hier, ihre Persönlichkeit zu schätzen und sich gegenüber der Gesellschaft so zu positionieren, dass sie als wertvolle Mitglieder dieser Gesellschaft wahrgenommen werden.“ Ein Mädchen lobt: „Wir konnten hier einige Themen ansprechen, die man zu Hause nicht so ansprechen kann.“ Ja, man habe Traumata, sagt etwa ein Teilnehmer. „Die schleppt man durch alle Bereiche seines Lebens, überträgt sie auf die Menschen. Das war für mich eine wichtige Erfahrung, hier zu lernen, dass ich mich selbst entscheiden kann: Will ich jetzt an etwas Gutes oder an etwas Schlechtes denken?“

„Sie gehen auf die Bühne und spielen auf Deutsch – und das ist Integration“

Diese Veränderungen bei jungen Menschen zu sehen, ist für Petrov, die mit ihrem Team in Bremen etwa 25 Projekte im Jahr realisiert, eine Bestätigung: „Das Theater ist ein geschützter Raum, in dem jeder so wahrgenommen wird, wie er ist“, betont die Leiterin. „Ohne Vorurteile. Und da kann man sich natürlich besser entfalten, da kann man natürlich viel schneller die Sprache lernen. Die Schülerinnen und Schüler sind zum Teil erst seit einem halben Jahr hier, gehen auf die Bühne und spielen auf Deutsch – das ist Integration.“ Petrov freut sich dabei über die Zusammenarbeit mit der Bremer Bildungsbehörde und dem Theater Bremen: „Die Bildungsbehörde ist sehr offen gewesen, sehr kooperativ, das war toll. Und Bremens Intendant Michael Börgerding hat immer ein offenes Ohr, ein offenes Herz für das, was wir tun.“

Die Schauspielerin und Regisseurin Kira Petrov selbst stammt aus Sibirien. Als Spätaussiedlerin ist sie 2000 im Alter von 15 Jahren nach Deutschland gekommen. „Ich habe kein Deutsch gesprochen, das war nicht einfach.“ Ihre Integration sei zunächst sehr schwierig gewesen. „Aktuell hilft mir das, weil ich die Jugendlichen gut abholen kann. Wenn sie zu mir kommen, kann ich sagen, ich verstehe dich sehr gut, ich weiß, wie es dir geht. Und dann öffnen sie sich auch viel leichter, als wenn sie einem Dozenten gegenüberstehen, der diese Erfahrungen nicht mitbringt. Die Jugendlichen fühlen sich verstanden.“

Kira Petrov vor einer Tür
Am „Theater 11“ in Bremen arbeiten heute Menschen aus einem Dutzend Nationalitäten zusammen. „Eine Bühne für Persönlichkeitsentwicklung. Wir spielen in deutscher Sprache“, so die Integrationsexpertin Kira Petrov © WFB/Lehmkühler

Sprache als Schlüssel zur Integration

Petrovs Familie lebte zunächst in einer kleinen Stadt in der Nähe der polnischen Grenze. „Mit Skinheads in der Klasse, mit Hass auf Russen.“ Und dieser Hass traf sie. Lehrerinnen und Lehrer schauten weg, wenn sie angegriffen wurde, berichtet Petrov. „Ich musste lernen, mich zu verteidigen, mir Respekt zu verdienen.“ Der Weg zur Integration führte über die Sprache, erzählt Petrov. Und sie suchte eine neue Heimat. Diese fand sie schließlich in Bremen. Als Verwandte sie besuchten und ihr von einem russischen Theatermacher in der Hansestadt berichteten, stand für Petrov fest: Sie wollte an die Weser. Ihre Mutter fand hier eine Arbeit beim damaligen Musical „Jekyll & Hyde“. „Bremen hat eine bezaubernde, magische Ausstrahlung. Ich habe mich gleich in die Stadt verliebt“, sagt Petrov. Sie vergleicht Bremen mit einem „kleinen Kämpfer“, der sich „immer seinen Platz unter der Sonne“ erkämpfe. „Davor habe ich Respekt, damit kann ich mich sehr gut identifizieren“, sagt Petrov. Sie verweist auf Bremens Tradition der Integration, die sich schon im Märchen der Bremer Stadtmusikanten zeige. In Bremen lernte Petrov die deutsche Sprache, spielte Theater und tanzte. Nach der Schule machte sie ein BWL-Fernstudium in der Ukraine, eine Schauspiel- und Musicalausbildung in Bremen und ein Regie-Studium in Russland. Zudem ist sie zertifizierter Coach für Public Speaking.

In Bremen war sie angekommen. Schließlich gründete Petrov in der Hansestadt das „Theater 11“ und begann, mit Kindern und Jugendlichen Theater zu spielen. Es folgte die Gründung des Vereins „Integration durch Kunst“. Am „Theater 11“ arbeiten heute Menschen aus einem Dutzend Nationalitäten zusammen. „Eine Bühne für Persönlichkeitsentwicklung. Wir spielen in deutscher Sprache“, so die Integrationsexpertin. Und: „Viele unserer Abgänger sind in Schauspielschulen und an Theatern untergekommen.“

Empowerment-Projekt für Mädchen

Schauspielkunst, Präsenz, Auftreten – allesamt Fertigkeiten, die sich auch auf der Bühne des alltäglichen Lebens einsetzen lassen. Und so bietet Kira Petrov Trainings- und Coachingstunden an, die sich um Themen wie Persönlichkeitsentwicklung, Rollenreflexion und Ausdruck drehen. Stimme, Körpersprache, Wirkung – darum geht es in Petrovs Stunden; und nicht allein um die Techniken, sondern auch um die Entwicklung einer inneren Haltung. Petrov will bei ihren Kursteilnehmerinnen Veränderungen anstoßen, ihnen ihre Stärken bewusst machen. Bislang dreimal hat sie das Projekt „#GirlPowerStage“ umgesetzt, ihr „Herzensprojekt“, wie sie es nennt. Das Empowerment-Projekt, das im nächsten Jahr fortgeführt werden soll, richtet sich gezielt an weibliche Jugendliche und junge Frauen und besonders an jene, die aus sozial schwierigen Verhältnissen stammen, vor dem Krieg geflüchtet sind oder angefeindet werden. Die Teilnehmerinnen sollen eigene Stärken erkennen und Visionen für ihre persönliche Zukunft entwickeln. Die Ansätze des Projekts sind vielfältig: Neben dem Austausch mit weiblichen Führungskräften aus der Wirtschaft steht ein Foto-Shooting, bei dem es darum geht, sich neu zu sehen, unbelastet von Rollenklischees und Erwartungen anderer, ohne Künstlichkeit, filterfrei. „#GirlPowerStage“ soll speziell Herausforderungen und Unsicherheiten 14- bis 18-jähriger Mädchen ansprechen, die auf der Suche sind nach ihrer Identität und ihrem Weg. „Die meisten Menschen verbringen mehr als 30 Jahre damit, sich selbst zu finden“, so Petrov. „Besser, man fängt früher damit an.“

Pressekontakt: Kira Petrov, Tel. 0173 626 89 55, Mail: kirapetrov@gmx.de

Bildmaterial: Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

Foto 1: Hilft Kindern und Jugendlichen mit Migrations- und Fluchterfahrung, sich zu integrieren und die eigenen Stärken zu erkennen: Die Bremer Intendantin Kira Petrov, geboren in Sibirien. © Jens Lehmkühler

Foto 2: Zehn- bis 17-Jährige Mädchen und Jungen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und die nun mit den gerissenen Fäden ihres jungen Lebens zurechtkommen müssen – eine Szene aus dem Stück „Friede beginnt in mir“, das Kira Petrov und ihr Team vom „Theater 11“ mit den Kindern und Jugendlichen entwickelt haben. © Miles-Vincent Kleveman. Als Copyrightreicht aber auch Kleveman

Foto 3: Am „Theater 11“ in Bremen arbeiten heute Menschen aus einem Dutzend Nationalitäten zusammen. „Eine Bühne für Persönlichkeitsentwicklung. Wir spielen in deutscher Sprache“, so die Integrationsexpertin Kira Petrov. © Jens Lehmkühler

Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet bereits seit Juli 2008 monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autorenstücke, die von Journalisten für Journalisten geschrieben werden. Es ist erwünscht, dass Journalistinnen und Journalisten den Text komplett, in Auszügen oder Zitate daraus übernehmen. Bei Fragen schreiben Sie einfach eine E-Mail an pressedienst@wfb-bremen.de.

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