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15.8.2023 - Mona Fendri

20 Jahre Feminismus-Blog in Bremen: Die „frauenseiten“ feiern Jubiläum

Erfolgsgeschichten

Die Bremer Online-Plattform bietet Sichtbarkeit für Frauen und frauenrelevante Themen

Mehrere Frauen sitzen an einem Tisch und blicken in die Kamera
Ein Teil des Teams der frauenseiten.bremen © frauenseiten

Was bedeutet eigentlich FLINTA? Was ist feministische Außenpolitik? Wie unterscheidet sich Frauengesundheit von Männergesundheit? Wo findet in Bremen die nächste frauenrelevante Veranstaltung statt? Und an welche Vereine, welche Ansprechpersonen in Bremen können sich Frauen in bestimmten Lebenssituationen wenden? Antworten auf diese und noch viele weitere Fragen gibt es bei den „frauenseiten.bremen“.

Der feministische Blog hat sich Anfang der 2000er Jahre in Bremen etabliert und stets weiterentwickelt. Inzwischen ist er aus der Bremer Feminismus-Szene nicht mehr wegzudenken. Doch was ist so besonders an der Plattform und was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert?

Frauen im Netz sichtbar machen

2003 startete das feministische Internetportal als Projekt der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) und trägt seither zur aktiven Gestaltung des Internets durch weiblich gelesene Personen bei und verleiht ihnen Sichtbarkeit im öffentlichen Diskurs. „In einer der ersten Statistiken über die Nutzung des Internets 2002 wurde festgestellt, dass Frauen das Internet sehr viel weniger aktiv nutzten als Männer“, erklärt Andrea Barckhausen, die jahrelang als Koordinatorin und Redaktionsleiterin der Seite bei der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH tätig war. „Im Land Bremen war der Unterschied noch ausgeprägter als in anderen Bundesländern. Es war daher ein Anliegen, zum einen die Medienkompetenz von Frauen zu fördern und zugleich deren Präsenz im Netz zu verbessern.“

Angeschoben wurde das Projekt von der ZGF, die seither die Räumlichkeiten für die Redaktion zu Verfügung stellt und die inhaltliche Fachaufsicht innehat. Die WFB stellt als Dienstleisterin eine Koordinatorin in Teilzeit aus ihrer Online-Abteilung zur Verfügung und übernimmt den technischen Support der Seite.

Das inzwischen knapp 20-köpfige Redaktionsteam besteht hauptsächlich aus ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und ist offen für Frauen gleich welchen Hintergrunds. „Wir wollen alle Frauen erreichen und versuchen, das gesamte Spektrum zu füllen. Es ist spannend, wenn unterschiedliche Personen und Generationen zusammen im Projekt arbeiten und dabei auch über ihre Erfahrungen sprechen können“, so Renate Strümpel, Barckhausens Nachfolgerin bei der WFB. Die Frage, ob auch männlich gelesene Personen dem Team beitreten könnten, bejaht sie. „Es ist zwar noch nicht so oft passiert, dass sich Männer bei uns beworben haben, aber die männliche Perspektive interessiert uns natürlich auch.“

Gemeinsam Medienkompetenz aufbauen

Die Plattform gibt Frauen die Möglichkeit, Themen zu präsentieren und sich zugleich selbst im Online-Bereich weiter zu entwickeln. „Es ist unser stetiger Auftrag, dass wir diese Medienkompetenz aufbauen, entwickeln und weitergeben“, erläutert Strümpel weiter. „Wir schreiben nicht nur über feministische und frauenrelevante Themen, wir lernen, wie man im Internet SEO-optimiert schreibt, wie man Blogbeiträge verfasst und bilden uns auch im Bereich Social Media weiter. Niemand braucht hier Angst vor Technik zu haben.“

Besonders wichtig sei dem Team, sich gemeinsam und auf Augenhöhe weiterzuentwickeln, sich gegenseitig zu unterstützen und voneinander zu lernen. „Hier lernen nicht nur die jungen Kolleginnen von den älteren, sondern andersherum genauso“, sagt Irene Meyer-Herbst, die sich seit 2017 ehrenamtlich bei den frauenseiten engagiert.

Zu den jüngeren Mitarbeiterinnen gehört Isabella Schefner. Die Studentin absolviert bei den frauenseiten ihr Pflichtpraktikum und bringt dabei zwei Leidenschaften unter einen Hut: Feminismus und Schreiben. „Mein Traum war es immer, Journalistin zu werden“, erklärt sie. „Ich möchte, dass das, was ich schreibe, einen Sinn hat. Hier kann ich über Themen schreiben, die mich interessieren.“ Für das Redaktionsteam der frauenseiten ein wichtiges Anliegen, Praktikantinnen aufzunehmen und zu fördern. „Wir bilden hier Nachwuchskräfte aus. Unsere Praktikantinnen haben hier sehr viel Freiraum und lernen die Welt des Feminismus kennen“, bestätigt Irene Meyer-Herbst.

Grafik einer gelben Teetasse neben einer Zeitung
Der „Pressepott“ ist eine der vielfältigen Rubriken der frauenseiten und stellt wöchentlich genderpolitische Nachrichten vor. © Kristina Andabak

Diverse Auszeichnungen für ein besonderes Projekt

Mit ihrem Konzept der Frauenförderung im Netz ist die Plattform bereits mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem beim Bundeswettbewerb „Wege ins Netz 2009“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und 2014 von der Bremer Stadtteilinitiative „gemeinsam gut!“ für vorbildliche Bildungsprojekte. „Als wir 2003 als Mitmach-Magazin starteten, steckte das Web 2.0 noch in Kinderschuhen“, erinnert sich Barckhausen. „Bremen fand in der nationalen Internet-Community viel Aufmerksamkeit und das brachte den frauenseiten mehrere Preise ein.“ Kürzlich wurde die Seite zudem für den Medienkompetenzpreis vorgeschlagen – die Bekanntgabe der Gewinner:innen steht allerdings noch aus.

Feminismus und Frauenförderung in Bremen

Doch womit beschäftigen sich die frauenseiten inhaltlich? „Es geht um Feminismus und Bremen. Für Anfänger:innen und Fortgeschrittene“, resümiert Strümpel die vielfältigen Inhalte schlicht. Feministische und frauenrelevante Themen, Veranstaltungen, Bremer Persönlichkeiten und Vereine finden alle ihren Platz in dem Bremer Blog.

Ein Bereich, der in den letzten 20 Jahren enorm an Wichtigkeit gewonnen hat, ist der Veranstaltungskalender – betreut wird er seit 19 Jahren von Glenys Gill, die also fast von Anfang an die frauenseiten mitaufgebaut hat. „Wir versuchen alle feministischen, frauenrelevanten, genderrelevanten Events in Bremen in einem Kalender zusammen zu stellen“, erklärt sie. „Das ist einzigartig in Bremen und wird auch über die Hansestadt hinaus gelesen.“ Als sie bei den frauenseiten anfing, musste sie erst lernen, den digitalen Veranstaltungskalender zu bedienen und Termine im Netz einzupflegen. „Es war für mich spannend zu recherchieren, wo gibt es feministische Events? Wo machen Frauen etwas Besonderes?“ Inzwischen hat sich der feministische Kalender in der Bremer Szene etabliert. Oftmals kämen Organisationen auf Gill zu, um ihre Veranstaltungen auf den frauenseiten zu veröffentlichen.

Auch andere Rubriken wie „Was ist eigentlich …?“, in der regelmäßig feministische und frauenrelevante Begriffe einfach erklärt werden, der Pressepott, in dem wöchentlich genderpolitische Nachrichten erscheinen oder FLINTA der Woche, wo regelmäßige besondere Persönlichkeiten vorgestellt werden, tragen zu einer erhöhten Sichtbarkeit von Frauen, Feminismus und Frauenförderung in Bremen bei. „Auch berichten wir über Neuigkeiten zum Thema Frauenförderung und stellen neue Förderpakete oder Vereine vor, die Frauen unterstützen“, fügt Gill hinzu.

"Es geht um Feminismus und Bremen. Für Anfänger:innen und Fortgeschrittene"

Renate Strümpel

„Das Frauenthema ist übergreifender geworden“

Die Themen, die auf den frauenseiten adressiert werden, hätten sich im Laufe der Zeit selbstverständlich verändert. „Heute würden wir zum Beispiel keinen Artikel mehr über eine Frau schreiben, die in einem klassischen ‚Männerberuf‘ arbeitet und damit internalisierte Vorurteile weiter stärken“, so Renate Strümpel. „Wir gehen viel mehr in die Tiefe und suchen Überschneidungen zu verschiedenen Bereichen des Lebens. Feminismus ist übergreifender, intersektionaler geworden.“

Ein Bereich in diesem Kontext, mit dem sich das Redaktionsteam beschäftigt, ist das Thema Gesundheit, das viel mehr aus frauenpolitischer Sichtweise behandelt werden müsste. Herzinfarkte würden bei Frauen zum Beispiel häufig nicht erkannt werden, da sich die weiblichen Symptome von den männlichen unterscheiden – die Norm seien in der Medizin allerdings der Mann und seine Symptome. Zu diesem Thema wurde bei den frauenseiten eine eigene Reihe ins Leben gerufen. „Ursprünglich handelte es sich um eine Seminararbeit einer Studentin aus Bremerhaven“, erinnert sich Irene Meyer-Herbst. „Wir waren die ersten, die ihr Thema veröffentlicht haben, dadurch hat sie mehr Sichtbarkeit, mehr Reichweite erhalten und auch neue Probant:innen gefunden. So konnten wir sowohl auf sie als Forscherin als auch auf die Problematik an sich aufmerksam machen.“

Mehrere Frauen stehen vor der Bremischen Bürgerschaft mit Plakaten
Die Mitglieder der frauenseiten setzen sich für feministische und frauenrelevante Themen ein © frauenseiten

Jubiläumsjahr und Zukunftspläne

Sichtbarkeit für Frauen und frauenrelevante Themen im Netz schaffen, das ist also das A und O der Arbeit der frauenseiten – und wird es auch künftig bleiben, ob nun durch die Förderung der eigenen Mitarbeiterinnen und Praktikantinnen, die Vernetzung mit anderen frauenrelevanten Vereinen oder die Vorstellung von besonderen Frauen und feministischen Themen und Veranstaltungen.

In Zukunft soll sich die Plattform auch noch weiterentwickeln und neue Formate erstellt werden – unter anderem ein neuer Podcast. „Wir werden in diesem Jahr einen Generationenpodcast von Boom bis Z veröffentlichen“, berichtet Strümpel. „Wir laden Gesprächspartnerinnen aus verschiedenen Generationen ein und diskutieren über Themen wie Familie, Arbeit, Klimaschutz vieles mehr. Das Interessante ist, dass verschiedene Menschen aus verschiedenen Altersgruppen ihre Sicht der Dinge präsentieren und sich austauschen“.

Doch zum 20-jährigen Jubiläum heißt es erst einmal: Geburtstag feiern. „Wir planen im Sommer, beziehungsweise nach den Sommerferien, mehrere Geburtstagsveranstaltungen“, verrät Strümpel. „Wir sammeln gerade Ideen, zum Beispiel im Rahmen des Christopher Street Days im August, oder planen kleinere Events mit feministischen Schwerpunkten, wie zum Beispiel ein ‚Female Karaoke‘-Event am 19. August in der Kono Bar.“ Die Veranstaltungen werden dann auf den frauenseiten und in den sozialen Kanälen zu finden sein. Wer dann mitfeiern möchte, ist herzlich eingeladen!

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