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Keramikvasen, Rucksäcke und ein blau-gelber Schneeanzug mit Drachenkapuze vor einer großen Tafelwand mit der Aufschrift "(Con)Temporary Crafts Studio". - Quelle: WFB/Jan Rathke
17.10.2023 - Insa Lohmann

Ein Raum für Kunsthandwerk in der City

Innenstadt im Wandel

(Con)temporary Crafts Studio bietet Plattform für Manufakturen

Vom Shop in die Werkstatt: Mit ihrer Idee des (Con)temporary Crafts Studio (CCS) möchten vier Bremer Gründerinnen und Gründer Einblicke in das Kunsthandwerk geben und den Menschen hinter den Produkten eine Plattform bieten.

In den Räumen des neuen (Con)temporary Crafts Studio (CCS) in der Bremer Innenstadt geht es kreativ zu: An den Werkstattplätzen wird geschraubt, gelötet, getöpfert. In den Regalen sind handgemachte Rucksäcke aus Kork, Soundsysteme aus Keramik oder Textilien aus ausrangierten Tischdecken zu bewundern und zu kaufen. Im CCS kann außerdem den Macherinnen und Machern bei der Herstellung über die Schulter geschaut werden. „Wir möchten hier den Produzentinnen und Produzenten eine Bühne bieten“, sagt Ramón Beytía über das neue Projekt in der Carl-Ronning-Straße.

Neue Möglichkeiten durch WFB-Förderung

Gemeinsam mit Teresa Rieger, Pablo Ocqueteau und Philine von Düszeln hat er das Konzept für das (Con)temporary Crafts Studio entworfen. Die Idee: Eine Plattform für Design, Nachhaltigkeit und Kunsthandwerk, Kreativität und Materialität schaffen – verbunden mit einer Werkstatt, einer gläsernen Manufaktur, Ausstellungs-, Workshop- und Veranstaltungsflächen, einer kleinen Bühne, einem Schaufenster und einem Café. Mit diesem innovativen Ansatz haben die vier auch die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH überzeugt, die die leerstehende Fläche in der Innenstadt ausgeschrieben hatte. Die Initiatorinnen und Initiatoren von CCS setzten sich mit ihrer Bewerbung durch und dürfen die Fläche nun für zwei Jahre mietfrei bespielen. 

Ein Mann mit Schürze aus blauem Jeansstoff steht lächelnd an einer großen Siebträgermaschine. In der Hand hält er eine Kaffeetasse, im Hintergrund hängen die Regale einer Keramikwerkstatt.
Ramon Beytía als Barista an der Siebträgermaschine im Café-Bereich des (Con)temporary Crafts Studios. © WFB / Jan Rathke

Die WFB hatte die Fläche für einen reduzierten Preis angemietet und sie über einen Untermietvertrag kostenfrei weitergegeben. CCS kann die Fläche auch nach dem Förderzeitraum zu den reduzierten Konditionen anmieten und den Betrieb so nachhaltig fortführen. Das Projekt wird durch die Wirtschaftsförderung im Rahmen des Bundesprogramms „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ (ZIZ) umgesetzt, mit dem die nachhaltige Entwicklung der Bremer Innenstadt durch acht pilothafte Maßnahmen und Schlüsselprojekte gefördert werden soll.

Kunsthandwerkenden über die Schulter schauen

Zwei Männer und zwei Frauen stehen vor der Tür einer Ladenfläche. Sie haben sich gegenseitig die Arme um die Schultern gelegt.
Das CCS-Team (v.l.n.r.): Philine von Düszeln, Pablo Ocqueteau, Teresa Rieger und Ramón Beytía © (Con)temporary Crafts Studio

Nachdem die Gründerinnen und Gründer bereits Erfahrungen mit einem Pop-up-Store im Viertel gesammelt haben, freuen sie sich, dass sie nun über so großzügige Räume in zentraler Lage verfügen: „Es ist toll, dass wir uns durch die Förderung an diesem Standort ausprobieren können“, sagt Philine von Düszeln. Und Ideen für ihren neuen Standort in der Carl-Ronning-Straße haben die Kreativen jede Menge: Workshops, Kooperationen, Veranstaltungen – im Fokus stehen die Handwerkskunst und der Umgang mit verschiedensten Materialien. „Es geht um Nachhaltigkeit, um Design, darum, Produkte zu suchen, die von altem Wissen inspiriert sind und um Materialinnovation“, sagt die 40-jährige. In regelmäßigen Ausstellungen zeigen Kunsthandwerkerinnen und -handwerker zu wechselnden Themenschwerpunkten wie Erde, Ton und Keramik, Wolle und Naturfasern, Licht und Beleuchtung oder Upcycling und Recycling ihre Produkte. 

Derzeit können Besucherinnen und Besucher noch bis zum 27. Oktober ganz besondere Kunstwerke der Keramikhandwerkerin Teresa Rieger bewundern, die mit ihrem Label „Schutt & Asche“ einen festen Werkstattplatz bei CCS hat. Gemeinsam mit der Bremer Tätowiererin Nadine Ramez hat sie die Ausstellung „Tonkörper“ konzipiert, die zwei Kunsthandwerke verknüpft: die Keramik und das Tätowieren. Dabei hat die Keramikkünstlerin Teresa Rieger mit klaren Linien und geometrischen Formen gearbeitet und bricht diese mit fließenden Linien, die sie mit der Tätowiermaschine in den lederharten Ton geritzt hat. Die dabei entstehenden Linien werden später mit Pigmenten eingefärbt. „Die Technik des Tätowierens hat mich gereizt“, erzählt Teresa Rieger. „Es ist total spannend, was dabei herausgekommen ist.“ Verschiedene Gewerke miteinander zu kombinieren und sich zu vernetzen, sei ein wichtiger Teil des Konzepts.

Handgefertigte Vasen, Tassen und Schalen aus Keramik in verschiedenen Farben.
Handgefertigte Keramikprodukte von Teresa Rieger. © WFB / Jan Rathke

„Durch den Einblick lernt man das Produkt mehr zu schätzen“

Neben der 30-jährigen Gründerin des Keramiklabels „Schutt & Asche“ haben auch Ramón Beytía, Pablo Ocqueteau und Philine von Düszeln eine feste Werkstatt in den Räumlichkeiten der Bremer Innenstadt, in der sie an ihren innovativen Soundsystemen „Mapu Speakers“ aus Keramik arbeiten. „Man kann uns ganz konkret beim Schrauben der Lautsprecher zuschauen“, sagt Ramón Beytía. „Durch den Einblick lernt man das Produkt mehr zu schätzen“, sagt er.

Der dritte Werkstattplatz kann jeweils für einen Zeitraum von einem Monat  kostenlos von sogenannten „Residency-Gästen“ genutzt werden. Auch andere Kunsthandwerkende seien aufgefordert, mit ihren Ideen und Produkten den Standort weiter zu beleben. „Wir suchen immer nach Leuten, die ähnlich wie wir arbeiten“, sagt Philine von Düszeln, die gemeinsam mit Pablo Ocqueteau das Label „Mapu Speakers“ gegründet hat. In der Werkstatt im (Con)temporary Crafts Studio können ihnen die Besucherinnen und Besucher dabei zuschauen, wie ihre nachhaltigen Lautsprecher entstehen und wie traditionelles Töpferhandwerk mit moderner Akustik kombiniert wird. „Das ist eine super spezielle Kombi in einem Bereich, der eigentlich nicht besonders nachhaltig ist“, sagt Philine von Düszeln. Für ihre innovativen Lautsprecher bekam das Gründerpaar bereits diverse Preise verliehen. 

Ein Mann sitzt an einem Werktisch und lötet Kabel an ein Werkteil.
Pablo Ocqueteau baut die handgefertigten Lautsprecher von Mapu Speakers zusammen. © WFB / Jan Rathke

Geschichten hinter den Produkten zeigen

Mit dem (Con)temporary Crafts Studio möchten die Initiatorinnen und Initiatoren nicht nur die Produkte zeigen, sondern auch die Menschen hinter den Kunstsachen. Sie haben durch verschiedene Formate wie Ausstellungen, Workshops oder die Verkaufsfläche in der Innenstadt die Möglichkeit, etwas zu ihrer Geschichte, ihren Produkten und zur Herstellung zu erzählen. Das sei auch für die Handwerkskünstlerinnen und -künstler ein Gewinn, die mit der Plattform einen niedrigschwelligen Zugang zur Bremer Innenstadt bekommen, um dort ihre Produkte und Arbeiten zu präsentieren und zu verkaufen, ohne sich eine eigene Ladenfläche leisten zu müssen. „Für kleine Herstellerinnen und Hersteller ist der Verkauf ihrer Produkte oft schwierig“, Pablo Ocqueteau.

Die Entstehung des (Con)temporary Crafts Studio hat auch viel mit der Geschichte der Initiatorinnen und Initiatoren zu tun. Pablo Ocqueteau und Philine von Düszeln haben mehrere Jahre als Dokumentarfilmende gearbeitet: In dieser Zeit sind der 41-jährige Chilene und die 40-jährige Bremerin mit Kunsthandwerkenden und Traditionen aus aller Welt in Kontakt gekommen, bekamen Einblicke in die Produktion und die persönlichen Hintergründe. Nachdem sie zuletzt in Dänemark und Berlin lebten, ist das Paar nun wieder in Bremen. Die Geschichten und Menschen hinter den Designprodukten zu zeigen und damit auch das immaterielle Kulturerbe weiterzugeben, reizte die beiden weiterhin. Über das Kreativ- und Innovationszentrum Creative Hub lernten sie Ramón Beytía und Teresa Rieger kennen, die Idee für ein gemeinsames Projekt wuchs – zunächst im Bremer Viertel, nun seit Juli in der City. „Während unserer Pop-up-Store-Zeit im Viertel haben wir gemerkt, dass die Mischung aus Werkstatt, Café und Verkaufsraum sehr gut funktioniert“, berichtet Philine von Düszeln.

Kunsthandwerk in die breite Öffentlichkeit bringen

Nun lassen sich die Gründerinnen und Gründer für zwei Jahre in der Innenstadt nieder: „Damit möchten wir das Kunsthandwerk in die breite Öffentlichkeit bringen“, sagt Teresa Rieger. „Wir können hier nochmal ein anderes Publikum ansprechen, das macht es so spannend.“ Das Konzept der Macherinnen und Macher ist auch eine Maßnahme, um dem Wandel in der Innenstadt zu begegnen. „Wir möchten die Innenstadt mit unserer Idee revitalisieren“, sagt Ramón Beytía, der vor vier Jahren aus Chile nach Bremen zog. „Verkaufsläden funktionieren anders als früher“, ist Pablo Ocqueteau überzeugt. „Es sind neue Lösungen gefragt.“ 

Die Keramikwerkstatt von „Schutt & Asche“ im (Con)temporary Crafts Studio. © Projektbüro Innenstadt Bremen / Christian Burmester

Vielen potenziellen Käuferinnen und Käufern reiche es nicht mehr, nur die ausgestellten Produkte zu sehen, es gehe auch um Erfahrung und Erlebnis. Deswegen ist das CCS nicht nur ein Laden mit Kunsthandwerkprodukten, sondern auch eine gläserne Manufaktur. Die Besucherinnen und Besucher können direkt vom Shop der Produkte in die Werkstatt laufen und bei der Entstehung zuschauen: „Da entstehen tolle Gespräche“, sagt die Keramikkünstlerin, die sich im vergangenen Jahr mit ihrem Label „Schutt & Asche“ selbstständig gemacht hat. „Wir wollen der Stadt zeigen: Hier wird auch produziert“, sagt Pablo Ocqueteau. Um den Bremerinnen und Bremer den Umgang mit verschiedenen Materialien näherzubringen, veranstalten die Kunsthandwerkerinnen und -handwerker regelmäßig Workshops, in denen die Teilnehmenden zum Beispiel gemeinsam töpfern, upcyceln, sticken oder mit Bananenfasern arbeiten. Die Betreiberinnen laden bewusst dazu ein, mitzumachen, um den fächerübergreifenden Austausch zu fördern. 

Konzept in der Innenstadt kommt gut an

Mit ihren Ideen möchten sie nun auch die Bremer Innenstadt begeistern: „Wir freuen uns, dass Bremen uns die Möglichkeit dafür gibt“, sagt Pablo Ocqueteau. Vor 17 Jahren besuchte der gebürtige Chilene erstmals die Hansestadt und war gleich angetan: „Ich bin ein Bremen-Fan“, sagt er. Für ihn also der perfekte Standort, um hier etwas Kreatives auf die Beine zu stellen. Und das Konzept des (Con)temporary Crafts Studio, neue Wege für alte Traditionen zu entdecken, die Menschen und Herstellungsprozesse hinter den Produkten hervorzuheben und Materialien gemeinsam zu erkunden, kommt gut an: „Wir kriegen tolles Feedback“, sagt Philine von Düszeln. „Die Leute freuen sich, dass es so etwas wie das CCS in der Innenstadt gibt“, ergänzt Ramón Beytía.

Das Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ (ZIZ) des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen fördert die nachhaltige Entwicklung der Bremer Innenstadt durch acht pilothafte Maßnahmen und Schlüsselprojekte. Inklusive einer Kofinanzierung durch die Stadt stehen knapp sechs Millionen Euro zur Verfügung.

Mit dem Programm nutzt Bremen die Möglichkeit, erste Maßnahmen aus der Strategie Bremen Centrum 2030+ konkret zu planen und umzusetzen und somit die Weichen für eine nachhaltige und resiliente Entwicklung des Bremer Centrums zwischen Wall und Weser zu stellen. Die Projekte werden durch die Projektbüro Innenstadt Bremen GmbH inhaltlich und durch die Senatskanzlei administrativ koordiniert. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

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