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1.8.2019 - Jann Raveling

Die Geschichte der Digitalisierung – Teil II

Digitalisierung / Industrie 4.0
Eine Reise in die Geschichte des Computers
Für die zweite industrielle Revolution steht exemplarisch die Fließbandfertigung des Model T von Ford
Für die zweite industrielle Revolution steht exemplarisch die Fließbandfertigung des Model T von Ford © Ford Company

Seit wann gibt es die Digitalisierung? Eine spannende Frage, denn in den Medien ist das Thema erst in den vergangenen Jahren so richtig präsent, während es Technologien wie den Computer oder das Internet schon viel länger gibt. Im ersten Teil dieser Reihe haben wir uns auf die Suche nach der Geschichte der Digitalisierung und der ersten Digitalcomputer begeben. Hier schauen wir uns nun die Geschichte der Automatisierung einmal näher an, um eine Antwort auf unsere Ausgangsfrage zu erhalten.

Im Deutschen verwenden wir für die Digitalisierung, wie im ersten Teil erwähnt, gern auch synonym den Begriff „Industrie 4.0“. Er stammt aus einer Initiative der „Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft“ der Bundesregierung und wurde am 1. April 2011 das erste Mal vorgestellt.

Der Begriff schlägt eine Brücke zu den drei industriellen Revolutionen der Technikgeschichte. Die erste Revolution ist der Übergang vom Manufakturwesen zur mechanisierten Produktion im 19. Jahrhundert. Exemplarisch hierfür stehen mechanische Webstühle und der Einsatz von Dampfmaschinen in Fabriken. Mit ihr geht ein massiver Wandel der Arbeits- und Lebenswelt einher, der durch Aufstände gegen Maschinen und dem Wegfall von Hand- und Heimarbeit geprägt wurde. Sie markiert den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Die zweite industrielle Revolution bezeichnet die Fließbandarbeit und den Taylorismus des frühen 20. Jahrhunderts. Eine neue Arbeitsorganisation gepaart mit dem technischen Fortschritt machten die Massenproduktion von Waren und Gütern möglich. Menschen wurden zu einem Teil einer strikt getakteten Produktionskette mit streng festgelegten, monotonen Arbeitsabläufen, so das damalige organisatorische Ideal. Die Möglichkeit, Waren in großen Mengen zu produzieren, führt zu einer erhöhten Nachfrage. Mit ihr beginnt die Konsumgesellschaft.

Die industriellen Revolutionen, wie sie im Kontext von Industrie 4.0 gesehen werden
Die industriellen Revolutionen, wie sie im Kontext von Industrie 4.0 gesehen werden © WFB/Enderle

Die dritte industrielle Revolution begann mit der Erfindung des Mikroprozessors – der Siegeszug des Digitalen. Durch Computer, Sensoren, Roboter und Schaltkreise können Industrie-Maschinen seit den 1970er Jahren produktiver und eigenständiger arbeiten. Als Meilenstein gilt häufig die Erfindung der speicherprogrammierbaren Steuerung 1969, mit der Maschinen erstmalig „digital“ wurden – also von Computern gesteuert. Hier beginnt die Ära der Dienstleistungsgesellschaft, denn seit der zunehmenden Automatisierung sinkt der Anteil der in der Industrie arbeitenden Menschen regelmäßig, heute sind es in Deutschland noch ein Viertel.

Die drei industriellen Revolutionen. Und die vierte.

All diese Revolutionen haben einen gemeinsamen Nenner: den zunehmenden Grad der Automatisierung. Die vierte industrielle Revolution „Industrie 4.0“ soll jetzt ebenso eine neue Ära der Automatisierung bezeichnen:

"Mit der sogenannten Industrie 4.0 wird es Massenproduktion nach individuellen Kundenwünschen, neue Geschäftsmodelle und neue Perspektiven für Beschäftigte geben."

Das schreibt die „Plattform Industrie 4.0“ des Bundes in aller Kürze, ausführlicher nachzulesen hier. Viele Schlagworte fallen unter den Begriff: Big Data, Cloud, das Internet der Dinge, Smart Industry, Roboter und künstliche Intelligenz, intelligente Fabriken und so weiter. Allen Dingen zu eigen sind grundlegende Prinzipien, welche die neuen Digitaltechnologien möglich machen: Selbstorganisation und Selbstoptimierung durch intelligente Prozesse, neue Wertschöpfungsketten und verändertes Arbeits- und Konsumverhalten. Es markiert den Übergang zur Informations- und Wissensgesellschaft.

Das Internet ist die neue Dimension, die ähnlich wie die Dampfmaschine oder die speicherprogrammierbare Steuerung, den Meilenstein für ein neues Zeitalter definieren soll. Denn erst durch die Vernetzung und Datennutzung, sowohl innerhalb eines Unternehmens, einer Fabrik, als auch über Firmengrenzen hinweg, sind diese neue Geschäftsmodelle möglich.

Die Automatisierung nimmt durch die Digitalisierung zu - Roboter und Menschen arbeiten künftig gemeinsam
Die Automatisierung nimmt durch die Digitalisierung zu - Roboter und Menschen arbeiten künftig gemeinsam © WFB/Enderle

Schön und gut, dieses ganze 4.0-Ding. Aber ein Datum hast du noch immer nicht genannt!

Das ist so eine Sache. Der Begriff „Industrie 4.0“ ist ein Marketingwort, ausgerufen, um einen Prozess zu beschreiben, einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel. Er ist kein historisch akkurater Fachbegriff – der ohnehin nur im Nachhinein vergeben werden kann und nicht schon im Voraus. Die Geschichte wird uns beurteilen, nicht andersherum.

Eine Festlegung auf ein Datum wäre ohnehin schwierig. Man könnte jetzt schauen, wann einige der oben genannten Technologien auf den Markt gekommen sind – zum Beispiel, wann die erste „Cloud“ erschien. Wikipedia verrät uns, dass 1999 etwa der amerikanische Cloudpionier salesforce mit seinen Diensten begann. Die breite Verwendung von Cloud-Technologien als Mittel von Wertschöpfung und Steigerung von Effektivität können wir aber erst in den vergangenen fünf bis sieben Jahren beobachten. Ähnlich verhält es sich mit anderen Digitaltechnologien, die es zwar schon seit Jahren und Jahrzehnten gibt, deren Bedeutung im Sinne der Digitalisierung aber erst nach und nach zu uns durchdringen. Als Beispiel etwa das Internet, das als World Wide Web bereits 1991 startete und heute zu einer der grundlegenden Voraussetzungen für die Industrie 4.0 gilt – gleichwohl es aber vermessen wäre, 1991 vom Start einer „Industrie 4.0“ zu sprechen. Denn damals gab es noch keine Industrieprozesse, die durch das Internet organisiert oder grundlegend gewandelt wurden.

In diesem Zusammenhang ist auch ein Blick nach Bremen als Hochtechnologieland interessant: So entstand der erste 3D-Drucker Europas in den 90ern im BIBA Bremer Institut für Produktion und Logistik. 3D-Druck gilt als eine der Schlüsseltechnologien für Industrie 4.0, weil sie individuelle, dezentrale Produktion in industrieller Qualität ermöglicht. Aber weit verbreitet war der 3D-Druck in den 90ern noch nicht - und ist es selbst heute noch nicht.

Und um es nun richtig kompliziert zu machen: Im Englischen ist der Begriff der "Industrie 4.0" kaum geläufig. Hier spricht man eher von der Digitalisierung – digitization – und macht keine scharfe Abgrenzung zur dritten industriellen Revolution. Im Englischen ist sie eine einfache Fortsetzung der zunehmenden Computerisierung mit neuen Mitteln – eben das Informationszeitalter. Statt von einer Revolution wird viel öfter von einer Evolution gesprochen: Denn viele der heute relevanten Technologien gibt es schon lange, wie wir gerade gezeigt haben, während deren breiter Einsatz sich erst nach und nach etabliert.

Warum ist denn das Thema Industrie 4.0 zur Zeit so stark in den Medien vertreten, wo es doch schon eine so lange Geschichte der Digitalisierung gibt?

Wie oben erklärt, wird das Schlagwort „Industrie 4.0“ seit seiner Vorstellung 2011 wohlwollend von Medien und Gesellschaft aufgenommen, um den starken wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen, die digitale Technologien in den vergangenen Jahren mit sich bringen, einen Namen zu geben. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „Digitalisierung“, der im Deutschen allgemeiner verstanden wird und sich nicht auf reine Industrie-Prozesse bezieht. Unter "Digitalisierung" wird die zunehmende Verbreitung des Internets und computerbasierter Technologien in alle Bereiche des Alltags gefasst - ob in der Landwirtschaft, in unserem Einkaufverhalten oder der Mediennutzung.

Zeichen für diesen Wandel sind vielfältig: Einerseits stehen dafür der Erfolg von Amazon, Apple oder von Google, der zur Zeit wertvollsten Firma der Welt. Unternehmen und Technologien verändern ganze Branchen, ob im Einzelhandel, wie bei Uber im Taxigeschäft oder bei Airbnb im Gastgewerbe. Andererseits kommen neue Medien wie die Sozialen Netzwerke auf und verändern unsere Art der Kommunikation. Einhergehend verändert sich unser Konsumverhalten: So waren 2014 erstmals mehr als die Hälfte der Deutschen mit Smartphones versorgt. Mobiles Internet löst das Surfen am PC allmählich ab.

Smartphone sind nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken und übernehmen immer mehr Aufgaben
Smartphone sind nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken und übernehmen immer mehr Aufgaben © WFB/Enderle

Für Unternehmen ändern sich mit den neuen Technologien vor allem die Wege der Wertschöpfung. Richtig eingesetzt, können die immer günstiger und besser einsetzbaren Technologien, wie Robotik, Big Data oder künstliche Intelligenzen, zu völlig neuen Produkten und Anwendungen führen – wie eben bei „Uber“, das berühmte „größte Taxiunternehmen der Welt ohne eigene Taxis“.

Nach dem Grundsatz „automatisiert wird, was automatisiert werden kann“ wandelt die fortschreitende Digitalisierung auch die Arbeitswelt zunehmend. Durch die neuen Technologien werden nicht nur Produktionsjobs automatisiert – was schon seit Jahrhunderten geschieht – sondern zunehmend auch geistige Tätigkeiten. Ob automatisierte Versicherungsunternehmen, Börsen ohne Makler oder Texte ohne Redakteure (NEIN, DIESER TEXT STAMMT NICHT VON EINEM ROBOTER. GANZ BESTIMMT NICHT.), all das ist schon Realität.

Dieser Prozess schürt Ängste – berühmt wurde die 2013 veröffentlichte Studie der Universität Oxford (PDF), die 47 Prozent der Jobs der gesamten us-amerikanischen Bevölkerung durch die zunehmende Digitalisierung in Gefahr sah. Diese Verunsicherung ist durchaus Zeichen eines Wandels – ähnlich wie der Maschinensturm in der Frühphase der Industrialisierung. Ob daraus Realität wird, ist jedoch eine ganz andere Geschichte. Denn bisher konnten wegfallende Arbeitsplätze in einem Sektor durch neue Jobs in anderen Sektoren aufgefangen werden. Noch nie waren so viele Personen beschäftigt wie heute. Ob sich dieser Trend fortsetzt oder durch die Automatisierung doch umkehrt, darüber streiten sich die Fachleute noch.

Ok, ich habe es verstanden. Die Geschichte der Digitalisierung lässt sich nicht mit einem eindeutigen Datum versehen

Richtig. Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels – dieser hat angefangen mit der Erfindung des Computers, den Zuses, ENIACs und TRADICs. Zu einer tiefgreifenden Veränderung von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Prozessen ist es aber dabei nicht sofort gekommen. Diese Entwicklung ist schleichend, sie hält an und ist immer mehr in unserem Alltag zu spüren – denken wir nur an „Alexa“ oder „Siri“ als Versuche, sprachgesteuerte Computer in unseren Alltag zu integrieren. Oder Watson und AlphaGo – die künstliche Intelligenzen, die durch ihre Spielstrategien berühmt wurden und alle menschlichen Spieler besiegten.

In dieser Entwicklung sind wir vermutlich noch nicht mal in der Nähe eines „Gipfels“ angekommen. Die Digitalisierung in diesem Sinne hat gerade erst begonnen und wird noch eine lange Zeit anhalten.

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Mit Vertrauen und Respekt erfolgreich in der Informatik - Gyde Wortmann

Gyde Wortmann ist Wirtschaftsinformatikerin. Das ist gut, aber längst nicht alles. Geprägt wurde die Mitgründerin der abat AG insbesondere durch ihre Kindheit an der deutsch-dänischen Grenze, durch Judo und durch Menschen, die ihr etwas zugetraut haben.

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