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4.8.2022 - Erol Tüfekçi

Briefe aus der Türkei: Ausgabe Sommer 2022

Länderbriefe

Wissen und Interessantes rund um die türkische Wirtschaft

Briefe aus der Türkei: Ausgabe Sommer 2022  -Ttitel
© istock

Die Inflation macht der Türkei zu schaffen – was bedeutet das für die Wirtschaft? Außerdem: Ein Rückblick auf die Delegationsreise aus Bremen nach Izmir. Diese und weitere Themen gibt es in unseren Länderbriefen im Sommer 2022.

Direkt aus der Seehafenstadt Izmir berichtet Erol Tüfekҫi, Direktor des dortigen Bremeninvest-Büros der Wirtschaftsförderung Bremen, und gibt uns einen Überblick über Trends, Chancen und neue Entwicklungen im Land. Wenn Sie diesen Länderbrief regelmäßig als Newsletter erhalten wollen, melden Sie sich gern hier an .

Zwischen Inflation und Exportboom – harte Zeiten für Wirtschaft und Bevölkerung?

Markt
© pixabay

Mit Inflationsraten von offiziell 79 Prozent und inoffiziell 179 Prozent machte die Türkei in den vergangenen Wochen Schlagzeilen. Selbst für das inflationsgewöhnte Land sind das extreme Werte, welche besonders die Bevölkerung spürt – Medienberichte über Menschen, die trotz Anhebung des Mindestlohns jede Lira umdrehen, sind allgegenwärtig. Die davon galoppierenden Preise führen bereits zu einem „Brain Drain“, auch aus diesem Grund verlassen tausende türkische Ärztinnen und Ärzte jedes Jahr das Land.

Die Ursachen dafür liegen nicht nur in den steigenden Energiepreisen und Lieferkettenengpässen wie im Rest der Welt, sondern sind auch hausgemacht. Die Zentralbank hält die Zinsen niedrig mit dem politischen Ziel, die Wirtschaft anzukurbeln und ausländische Investoren anzulocken. Doch der türkische Staat hat schon seit Jahren eine negative Handelsbilanz und benötigt ausländische Währungen. Das führt unter anderem wiederum zu ausländischen Schulden und einer Abwertung der Lira – sie hat gegenüber dem Dollar allein in diesem Jahr 24 Prozent an Wert verloren.

Um sich Devisen zu beschaffen und die Lira aufzuwerten, erschwert die Türkei es zunehmend, ausländische Währungen zu halten – für Unternehmen ebenso wie für die Bevölkerung. Immer neue Gesetze bis hin zu Kapitalkontrollen zwingen dazu, Reserven in türkischer Lira aufzubauen. Ausländische Unternehmen zögern auch aus diesen Gründen mit Investitionen, die Rate ausländischer Direktinvestitionen sinkt oder stagniert seit Jahren, trotz des anhaltenden Wirtschaftswachstums in der Türkei.

Die hohe Inflation und die günstige Währung sind für viele Betriebe ein zweischneidiges Schwert: In der Türkei hergestellte Waren erleben derzeit einen Exportboom, denn sie sind aufgrund der schwachen Lira günstig. Das kurbelt durchaus die Wirtschaft an. Auf der anderen Seite steigen die Importkosten für türkische Unternehmen enorm. Hinzukommt, dass Importrohstoffe in Dollar notieren, während Exportgüter vor allem in Euro verkauft werden, was aufgrund des schwachen EU-Dollar-Kurses wiederum zu höheren Kosten führt.

All dies soll, laut Ökonomen, zu einem schwächeren Wirtschaftswachstum als bisher führen. Während 2021 das Bruttoinlandsprodukt noch um neun Prozent wuchs, soll es in diesem Jahr auf circa drei Prozent fallen. Hohe Inflation, sinkende Binnennachfrage aufgrund zurückgehender Kaufkraft und ein schwieriges Kapitalumfeld setzen die Türkei bei vielen Investierenden erstmal „on hold“ – auch wenn es weiterhin viele attraktive Nischen gibt, die eine genaue Abwägung von Risiken und Chancen erfordern.

Denn gerade die Verwerfungen der globalen Lieferketten offenbaren auch Chancen für die Türkei. Während Häfen in China covidbedingt gesperrt werden und Container monatelang und zu extremen Preisen auf See unterwegs sind, ist der Transportweg aus der Türkei kurz. Unternehmen können sich so resilientere Lieferketten aufbauen.

Searover – eine türkische Erfolgsgeschichte kommt nach Deutschland

Menschen in Sicherheitskleidung
Im Erprobungseinsatz für den eigenen Unterwasser-Roboter © Searover

Eine interessante Nische ist die wachsende türkische IT-Wirtschaft, die derzeit an verschiedenen Fronten auf sich aufmerksam macht. Ein Beispiel ist etwa Searover. Zu den Kernkompetenzen des Unternehmens zählen Robotik- und KI-Softwarelösungen für die Unterwasserforschung sowie für Wind- und Solarenergieanlagen. Sie zielen darauf ab, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren und die digitale Transformation im Energiesektor voranzutreiben.

Das Unternehmen ist nun nach Europa expandiert und hat sich dabei Bremen als Hauptsitz ausgesucht. Laut eigenen Planungen soll das Bremer Team der deutschen Werover GmbH bis Ende 2027 auf 33 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anwachsen. Hier wollen sie einen „Cleantech Hub‟ errichten und „eine Brücke zwischen den beiden Städten Bremen und Izmir im Bereich der Erneuerbaren Energien schlagen“, so Searover-Gründerin Zeynep Balca Yılmaz. Beide Städte, so Yilmaz, verbinde die Vision und das Ziel, zu Cleantech-Zentren zu werden und damit als Pioniere zu wirken. Bei der Ansiedlung begleitete Bremeninvest das junge Unternehmen bei allen Schritten.

Türkei-Delegationsreise aus Bremen besucht Izmir

Vier Menschen in Izmir
Im Bremeninvest-Büro - Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte (2.v.l)

Seit 25 Jahren verbinden die beiden Städte Izmir und Bremen eine Städtepartnerschaft. Zeit, zu feiern! Anlässlich des Jubiläums besuchte im Juni 2022 eine 30-köpfige Delegation rund um den Bremer Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte die türkische Seehafenstadt

Dabei war auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit ein wichtiges Thema. So stand etwa eine Kurzvisite in unserem Bremeninvest-Büro an. Dabei wurde unter anderem über ein Azubi-Austauschprogramm der Deutsch-türkischen Außenhandelskammer AHK gesprochen. Die Delegation machte zudem Halt in einem der der Dider-Büros. Die junge Organisation von Unternehmerinnen und Unternehmern aus Izmir kümmert sich um die Verbesserung gegenseitiger Handelsbeziehungen (wir berichteten). Im Technopark Izmir und der Messe Izmir – übrigens der größten in der Türkei – standen gemeinsame Kooperationspotenziale mit der Messe Bremen zum Gespräch, außerdem fand hier das „Bremen-Izmir Business People Economic Forum“ statt.

Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte: „Ich bin beeindruckt von den innovativen Ideen der Unternehmen in Izmir und der Vision des Bürgermeisters Mustafa Tunç Soyer. Bremen und Izmir sind beide Standorte zahlreicher Forschungseinrichtungen, von Technologieparks und Gründerzentren. Es ist mir daher ein besonderes Anliegen, diese Felder zukünftig noch enger miteinander zu verknüpfen, um gemeinsam die Forschung voranzutreiben.“

Beim Abschied aus der Türkei vereinbarten die beiden Bürgermeister bereits den Gegenbesuch. Im Dezember 2022 ist es bereits soweit – rechtzeitig um den Ausklang des Jubiläumsjahres mit einem Besuch des traditionellen Bremer Weihnachtsmarkts zu feiern.

Türkei startet Lithium-Produktion

Bergbau
© pixabay

In Eskişehir, rund 150 Kilometer westlich von Ankara, hat die erste Lithium-Produktionsstätte der Türkei ihren Testbetrieb aufgenommen. Lithium ist ein wichtiger Rohstoff für die Produktion von Batterien für Elektrofahrzeuge. In der Türkei wurde 2020 mit der neuen Marke „TOGG“ das erste einheimische Elektro-SUV vorgestellt (wir berichteten). Dieses soll nun mit Batterien aus eigener Produktion betrieben werden. Das Metall wird dabei aus Abfallprodukten der Bor-Gewinnung hergestellt. Türkei hat weltweit die größten Bor-Lagerstätten, Lithium kommt dabei in sehr geringer Konzentration in Bor-Lehm vor.

Die neue Produktionsanlage will im ersten Jahr zehn Tonnen im Testbetrieb herstellen, danach auf 600 Tonnen hochfahren. Bei einem Bedarf von acht bis zwölf Kilogramm pro Fahrzeug würde das für rund 50.000 Fahrzeuge reichen – nicht viel, aber ein Anfang für eine unabhängigere Produktionskette. Die Türkei gilt dabei nicht als besonders lithiumreich und wird auf Platz 25 der Länder mit den größten Vorkommen geführt.

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